Maimonides‘ Erbe

1948 begann man in Palästina eine Idee zu leben, der man Jahrhunderte lang immer wieder aufs Neue gedachte. Zwar waren einige streng genommen dagegen, entsprach die Gründung eines eigenen Staates nicht der Torah und musste man das neue Kapitel ohne sechs Millionen Brüder und Schwestern beginnen, aber man entschloss sich, endlich das einzig Richtige zu tun und den weiteren Verlauf der Geschichte zum eigenen Gunsten zu verändern.

Ob sozialistisch oder religiös, war man sich immer der politischen Lage bewusst; man wusste, dass man sich noch lange in einem diktatorischen, kriegstreiberischen Sumpf befinden würde, der immer wieder versuchen würde, dem jüdischen Staat den Garaus zu machen. Auf großartigen Beistand aus dem Ausland wollte man ebenfalls nicht hoffen, nicht aus Arroganz, aber – nun ja – die Erfahrungen, die man im Ausland gemacht hatte, waren nicht die Besten.

Nichtsdestotrotz war von innenpolitischer Einheit nie die Rede. Des Öfteren fürchtete man, einen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen, der geistig schon lange vor der Gründung tobte und nicht vor hatte, jemals ein Ende zu finden.

Während man in Israel das Schauspiel sehr kritisch betrachtet und immer schon gewusst zu haben meint, dass zu viele Juden in einem Land nichts Gutes bedeuten können – denn das hatte schon Ur-Großvater gesagt – staunt man als Diasporajude nicht schlecht über die Uneinigkeit der Israelis, vertritt man selbst doch eine klare Meinung zu dem Ganzen. Wenn man umgeben von selbst ernannten Freunden Israels lebt, bleibt einem aber auch nicht viel anderes übrig.

Nun hat sich in den letzten Jahren eine schwierige Situation entwickelt, deren Lösung nicht auf dieselbe Art und Weise erreicht werden kann, wie man es im Konflikt mit den Palästinensern versucht. Die israelische Öffentlichkeit steht einer Minderheit gegenüber, die sich einerseits als wichtigsten, elementarsten Teil der Gesellschaft sieht und andererseits nicht mit den gesellschaftlichen Normen einverstanden ist, nach eigenen Vorschriften lebt und sich weigert, an der Beschaffung von Steuermitteln teilzunehmen.

Die sogenannten Ultraorthodoxen sind die Hüter des eigentlichen Judentums als Religion, sie verbringen ihre Tage nach altem Vorbild in der Yeshiva (Religionsschule) und diskutieren mehr, als die Händler des Ben Yehuda Marktes in Jerusalem. Aus säkularerer Sicht sind es schwarz-weiße Sonderlinge, Pinguine, die immer einen weisen Spruch aus dem Talmud auf den Lippen haben und jeden Shabbat den Platz vor der Klagemauer füllen. Aber nur aus der Ferne wirkt alles so friedlich und hübsch, nur aus der Ferne weckt das Zusammenspiel der Religion mit der Weltlichkeit romantische Gefühle.

Der Rest der israelischen Bevölkerung erlebt seine gläubigen Mitbürger anders. Man verteidigt das Land, arbeitet und bezahlt Steuern, kann sich dabei weniger leisten als man produziert und sieht sich dennoch ständig mit dem Vorwurf konfrontiert, dass die nicht arbeitenden Religiösen benachteiligt würden. Selbstverständlich neigen Menschen dazu, sich zu bemitleiden, den anderen im Unrecht zu sehen und mehr zu verlangen, als einem zusteht. Doch die Orthodoxen sind ein Sonderfall, da die Art ihrer Vorgehensweise von einer übermenschlichen Arroganz herrührt, die nur ein solch nicht weltliches Leben zur Folge haben kann.

Auch als nicht religiöser Mensch messe ich den Orthodoxen eine nicht unwichtige Rolle in der israelischen Geschichte zu, da ich mit vielen von ihnen zu tun hatte und oftmals auf feine Geister und scharfe Sinne stieß, die ebenfalls nur ein abgeschiedenes, auf die Erforschung des Talmud und der Torah konzentriertes Leben hervorbringen kann. Im Gegensatz zu anderen Religionen verfügt das Judentum nicht über eine große Zahl Gläubiger und Ich halte die Bewahrung dieses Glaubens für elementar für das Land Israel und die weitere Existenz des jüdischen Volkes. Dennoch muss sich eine jede Minderheit der Realität fügen und gewisse Transformationen eingehen.

Der große Nachteil der Religionen ist die Herabstufung nicht Gläubiger. Demnach betrachten auch die Ultraorthodoxen den Rest der israelischen Bevölkerung nicht als ebenbürtig. Diese Sichtweise mag sich nur auf die geistliche Ebene beschränken, doch das ist die einzige Ebene, auf der sich die Haredim bewegen. Ein Jude, der nicht nach den Geboten G’ttes lebt, missachtet die ihm von G’tt gegebene Aufgabe und entfernt sich vom Stamm.

Diese Sichtweise war zu früheren Zeiten sinnvoller als sie es heute ist. Denn man lebt nicht mehr im Stetl und die Juden sind nicht mehr das Volk der Musiker, Poeten und Literaten. Sie sind das Volk der Soldaten und Arbeiter. Dieser Unterschied bedeutet auch einen Wandel der Aufgaben. Es gilt nicht mehr, die Religion mit der Wissenschaft zu vereinen und auch nicht, den Glauben zu bewahren. Nun geht es darum, den eigenen Staat zu verteidigen und eine starke Wirtschaft am Leben zu erhalten. Unter den israelischen Bedingungen ist das kein sonderlich einfaches Unterfangen.

Diesen Wandel der Realitäten müssen die Orthodoxen be- und aufgreifen, wenn sie nicht in absehbarer Zeit mit unabsehbaren Konsequenzen zu rechnen haben wollen. Zwar können sie Großmutters Zeiten im osteuropäischen Stetl hinterherträumen, dürfen aber nicht vergessen, dass es nun eine jüdische Schutzmacht gibt, die sie vor jeglichen Übergriffen („Pogromen“) feindlicher Bevölkerungsgruppen schützt.

Doch auch das ist ein Teil der Demokratie: Während die einen sie als Aufstiegschance nutzen, missbrauchen die anderen sie als Gelegenheit, sich auf den Schultern anderer auszuruhen.

Im Stetl war man glücklich, wenn die Goys mal einige Zeit nicht bewaffnet ins Dorf stürmten. Nun ist man unzufrieden darüber, dass man nicht genug Geld, Zeit und Freiraum bekommt. Mit den Zeiten ändern sich eben auch die Ansprüche.

Aber so unverständlich es für religiöse Ohren auch klingen mag: Wie jede andere Gesellschaftsform erwartet auch die Leistungsgesellschaft, dass man sich anpasst.

War es die Aufgabe Maimonides‘, das Judentum mit den Naturwissenschaften zu vereinen, so ist es die Aufgabe der modernen Gläubigen, das Judentum mit der Wirtschaft zu verknüpfen.

Shalom.

Über filipppiatov

Welcome! Check out my new blog www.gdlf.me It's for everyone who's into entrepreneurship, social media and food.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s