Wann ist die Nacht am dunkelsten?

Nichts will geschrieben werden

Aus finstrer Einsamkeit wird es erstehen

Aller Lüge weichend, aller Süße trotzend

Fels und Stein zersprengend

Hört zu, wenn Ranicki spricht. Egal, worüber; egal, zu wem. Möglich ist es, dass er der letzte große Intellektuelle Deutschlands ist.

Wir haben gute Journalisten in Deutschland, man findet großartige Artikel in FAZ, Zeit und Welt. Ab und an stolpert man sogar über tolle Feuilletonisten, über belesene und gebildete, vielseitige, sehr interessante und intelligente Menschen. Man liest freudig ihre Artikel, nimmt den einen oder anderen Gedanken mit und behält womöglich einen von ihnen. Nur macht ein Artikel noch keinen Intellektuellen. Artikel schreiben ist eine Kunst, jedoch kein unerforschtes Mysterium. Es soll vorgekommen sein, dass ein gutes Tässchen Kaffee für so gute Zeilen sorgte, dass der Schreiber zum Schluss seiner Feder selbst kaum trauen konnte. In der Musik nennt man so etwas One-Hit-Wonder, was nicht heißt, dass jeder nachfolgende Artikel nicht lesenswert sei.

Doch genug zur Presse und hinüber zur Politik. Außer Herrn Wulff – dem größten demokratischen Vordenker unseres jungen Jahrtausends – findet sich niemand, der meinen – mittlerweile stark gesenkten – Ansprüchen  genügen könnte. Sucht man nach intelligenten Aussagen von heutigen Politikern, wird man auf geklaute Zitate und billige Wortspiele sowie Vergleiche stoßen – wenn überhaupt. Ich habe eher den Eindruck, dass Politiker mit Inhalten nicht um sich werfen wollen (wenn es denn etwas zu werfen gäbe…). Ein Witzchen über den Konkurrenten, ein Zitat eines ideologischen Vorfahren, eine tiefsinnige – und vermutlich erfundene – Geschichte aus dem eigenen Leben und zum Ende eine geistreiche Interpretation einer gefälschten Statistik. Bei solch einem Aufbau einer Rede bleibt nicht viel Platz für Intellektualität. Berufspolitiker sind ein seltsames Volk.

Dennoch gibt es Lichtblicke, wie Sie selbst nach einem Besuch von Marina Weisbands Homepage feststellen werden. Diese junge, gebildete und hoch intelligente Frau darf man nicht nach der Außenwirkung ihrer Parteikollegen beurteilen. Lesen sie am besten selbst.

http://www.marinaslied.de/

Nu, wo sind sie hin, die großen Denker und Schreiber? Und wenn es sie denn gibt, wo ist ihr Einfluss, ihre Gefolgschaft?

Um Ihnen klarzumachen, welche Art von Intellektualität Ich meine und welche nicht, hier zwei Zitate:

1. Linguist, Globalisierungskritiker und „Menschenrechtler“ Noam Chomsky:

„Ein Intellektueller zu sein ist eine Berufung für jedermann: es bedeutet, den eigenen Verstand zu gebrauchen, um Angelegenheiten voranzubringen, die für die Menschheit wichtig sind. Einige Leute sind privilegiert, mächtig und gewöhnlich konformistisch genug, um ihren Weg in die Öffentlichkeit zu nehmen. Das macht sie keineswegs intellektueller als einen Taxifahrer, der zufällig über die gleichen Dinge nachdenkt und das möglicherweise klüger und weniger oberflächlich als sie. Denn das ist eine Frage der Macht. 

 2. Schriftsteller und Philosoph Albert Camus :

„Ein Intellektueller ist ein Mensch, dessen Geist sich selbst beobachtet.“

Während Chomsky offenbar in jeder seiner Aussagen, völlig unabhängig vom Thema, obrigkeitskritisches Gedankengut hineinzulegen versucht und jedem Menschen potenzielle Intellektualität zuspricht (ach wie gütig!), beobachtet Camus die Grundeigenschaft des Intellektuellen, die auch mich am meisten fesselt.

Ich liebe Literatur, in der Liste meiner meist geliebten Schriftsteller finden sich neben den ganz Großen auch Autoren wie Herman Wouk, Ephraim Kishon, Stefan Zweig und Doyle. Dennoch kann Ich nicht umhin, zwei Menschen eine besondere Bewunderung entgegen zu bringen. Sie besitzen die von Camus‘ beschriebene Eigenschaft in besonders ausgeprägter Weise, was ihnen ermöglichte, uns alle und sich selbst einem ständigen geistigen Kampf von versuchter Falsifikation und Verifizierung zu unterziehen und sich somit in einem dauerhaften Fortschrittsprozess zu befinden. Lew Tolstoi und Thomas Mann sind es, die Ich meine.

Ihnen steht es zu, die Menschheit von oben zu betrachten. Keineswegs arrogant, sondern mit Liebe und etwas Humor, mit Fürsorglichkeit und Leid.

Tolstoi öffnete mir in vielerlei Hinsicht die Augen. Ich begriff kaum, welch wunderbares Buch mir in die Hände gefallen war, als ich „Anna Karenin“a zum ersten Mal las. Die Lektüre von „Krieg und Frieden“ bestätigte Tolstois Genie und warf noch mehr Fragen auf. Nach Tolstois Romanen sah Ich die Welt klarer, heller und dunkler und bin ihm unendlich dankbar dafür.

Ähnlich erging es mir, als Ich den deutschesten und wunderbarsten aller deutschen Schriftsteller las, genauer sein Jugendwerk „Die Buddenbrooks“. Welch Deutschland schafft es Mann zu erschaffen, welch seltsamer Patriotismus sich in mir entwickelte, während ich den Buddenbrooks durch die Jahrzehnte folgte.

Es sind solche Menschen, die uns den Weg weisen, ungeachtet ihres Privatlebens, ihrer schlechten Eigenschaften und ihres Reichtums.

Nur wo sind sie hin? Sind wir eine Gesellschaft der kleinen sozialen Umfelder, jedes mit seinen eigenen Prinzipien und Vorstellungen? Oder leben wir in einer Gesellschaft des biederen Mittelmaßes? Für das zweite spricht leider vieles. Wir holen alte, senile Männer aus Schubladen der Geschichte, die eigentlich geschlossen bleiben sollten und lauschen ihnen gebannt, obwohl sie seit Jahren dasselbe schwafeln. Wir schieben Schmidt auf die Bühne und freuen uns, milde den Kopf schüttelnd, über seine Zigaretten und hören Scholl-Latour zu, wie er Genozide weg nuschelt, um dann dem „größten deutschen Journalisten“ zu applaudieren.

Wir sind soweit, dass sich sogar die Vernünftigsten und Klügsten von uns dem Bodensatz des Mittelmaßes widmen, Menschen wie Claudia Roth und Margot Käßmann.

Wir haben viel zu verlieren, aber nichts zu gewinnen. Wir leben im Paradies, wir leben den Traum und brauchen keinen Wecker. Never change a winning team, sagt man. Deutschland ist reich und wohlhabend, auch ohne große Denker.

In Russland hingegen wimmelt es von Angehörigen der obersten Intelligenzija, in allen freien Zeitungen, im Radio und im Fernsehen erklären sie Putin scharfsinnig den kulturellen Krieg und erleuchten die Massen, die man immer wieder zu täuschen versucht. Vielleicht ist es politische und kulturelle Unterdrückung, die Großes provoziert. Russland ist uns in vielerlei Hinsicht weit hinterher, doch ihre Intellektuellen sind den unseren voraus.

Vermutlich ist es Unterdrückung, die Großes provoziert. Bald wird es der Würgegriff des Mittelmaßes sein, den ein Atemzug durchbrechen wird.

Über filipppiatov

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3 Antworten zu Wann ist die Nacht am dunkelsten?

  1. Dusan Backonja schreibt:

    Großartig.

  2. oskar79 schreibt:

    Der Gebildete treibt die Genauigkeit nicht weiter, als es der Natur der Sache entspricht.(Aristoteles).
    Lew Tolstois Werke sind die suche nach dem „Sein“.Er war ständig auf dieser Suche und liess uns durch seine Werke daran teilnehmen.

  3. Caruso schreibt:

    Meine gs.Mutter weckte mich nicht nur einmal in der Nacht (z.B. um 2 Uhr) mit den Worten: „Hör zu, was für ein weiser Mensch dieser Tolstoj war!“ Sie hat „Krieg und Frieden“ zwei Mal in ihrem Leben gelesen. Als junge Frau und mit ca. 70 Jahren. Mehrmals ging’s sich nicht aus, sie erlebte nämlich 2 Weltkriege, 2 Revolutionen, zog groß 4 Kinder usw. Sie war keine gebildete Frau, aber
    sie hatte mehr Gespür für das Wahrhaftige als viele so genannte Gebildete. Was das anbelangt, war sie ein Beispiel für mich.
    Danke für diesen Artikel und alle andere, die ich bis jetzt gelesen habe. Erst vor ganz kurzem ent-
    deckte ich Ihren Blog. Großartig! sage ich mit meinen fast 82 Jahren. So weiter!
    LG
    caruso

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