Erster Teil – Wer ist Wladimir Putin?

Seine Kindheit verbrachte mein Vater im Leningrad der späten 50er und 60er Jahre. Er lebte mit seinen Eltern in einer Kommunalwohnung, sozusagen den sowjetischen Traum: Eine Familie pro Zimmer, Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftstoilette. Arm, aber romantisch einerseits, andererseits schlichtweg eng, ungemütlich und unwürdig.

Wenige Häuser weiter wohnte der kleine Wowa und wie der Zufall es wollte, litten Haus und Hof unter einem schlechten Ruf, weshalb die anderen Nachbarskinder es mieden, Wowa und seine Freunde zu besuchen, wie sie es sonst untereinander taten. Ich möchte diesen Ruf keineswegs so unkonkret stehen lassen, wo es doch etwas über ihn zu sagen gibt.

Während die Kinder im Hof meines Vaters die Tage mit Spielen wie Fußball, Hockey und Räuber und Gendarm zubrachten, beschäftigten sich Wowa und Kollegen mit Spirituosen und Tabakwaren aller Art, sowie einer selbst erfundenen Sportart, die man ab ehesten mit Ultimate Fighting vergleichen kann. Man sieht, dass mein Vater und Wowa verschiedenen Freizeitbeschäftigungen nachgingen und wird verstehen, warum Wowas Clique nicht zu den Beliebtesten gehörte.

Wie das Leben so läuft, lassen Kinder ihre Dummheiten hinter sich und beginnen ein neues Leben. Nicht Wowa. Wowa entschloss sich, seine Dummheiten auf eine neue Ebene zu bringen, zu professionalisieren, sein Hobby zum Beruf zu machen.

So entschloss Wowa sich eines Tages, dass es sein Ziel sein würde, beim KGB zu arbeiten. Dem Verein, der Millionen von Menschen auf dem Gewissen hat; dessen Offiziere hinter der Front her gingen und Verwundete und ‚Feiglinge‘ erschossen; dessen Hauptgebäude in Leningrad – das große Haus – in der Stalinzeit für das dauerhaft heraus fließende Blutbächlein bekannt war.

Das zu den gröbsten Vergehen des KGB, welches ansonsten für die Staatssicherheit der Sowjetunion zuständig war. Jeder Geheimdienst hat Dreck am Stecken, denken Sie vielleicht. Ein kleiner Unterschied ist es dennoch, ob man für den Mossad oder die Gestapo arbeitet. Dass der KGB der Gestapo in nichts nachstand, sollte kein Geheimnis sein, aber Ich würde es dennoch gerne betonen.

Einige werden jetzt den geschichtsrevisionistischen Zeigefinger gen Himmel strecken und vor der Gleichsetzung der Regime warnen. Nun, in diesem Artikel geht es nicht um das Regime, sondern um die Geheimdienste. Mir ist es egal, ob die Gestapo-Leute Nazis waren oder nicht, sie waren widerliche Mörder. Woran sie glaubten, ist mir völlig gleich. Beim KGB verhält es sich ebenso.

Wowa war bestens für seinen Traum geeignet und das meine Ich natürlich keineswegs negativ; jedem das Seine heißt es doch, so  wurde unser Wowa eben KGB-Agent.

Er tat dies und das, was Geheimdienstler eben so tun, bis die Sowjetunion eines Tages zusammenbrach und wohl das größte Machtvakuum hinterließ, das je existierte. Hierbei richte Ich den Fokus auf Russland, da die restlichen Sowjetrepubliken sich selbstständig machten und sich das Interessanteste und Wichtigste in der größten Sowjetrepublik, Russland, abspielte.

Die Partei kontrollierte alles in der UdSSR.  Gehälter, Produktionsmengen, Währung, Kredite. So gab es drei oder vier Fabriken, die Fernseher produzierten, ähnlich sah es auch in anderen Bereichen aus. Und plötzlich war die riesige Krake weg. Diese Krake, bestehend aus alten und alternden, verfressenen Politikern, die auf einmal keinen Funken Rückhalt im Volk genoßen und jeder Vollidiot, der irgendwie nach Anti-Kommunist aussah, in Regierungsverantwortung kommen konnte.

Alles, was dem Staat gehört hatte – also alles – wurde privatisiert und kam in die Hände engagierter Jungkommunisten und Geheimdienstler, aber auch talentierter Unternehmer. Aus Jungkommunisten wurden schnell Kapitalisten, die nun Oligarchen heißen und zu den reichsten Menschen der Welt gehören. Denn Russland bot unglaubliche Kapazitäten und hatte ein riesiges Potential, das nicht mal ansatzweise vollständig ausgenutzt werden musste, um Milliarden zu verdienen. Banken wurden für symbolische Beträge an Freunde und Kollegen verscherbelt, Mafiosi erkämpften ihren Teil und so befand sich das Land beinahe ein Jahrzehnt – die 90er Jahre – in einem kaum tragbaren Ausnahmezustand, der das Volk nur eines lehrte: Freiheit ist gut, Stabilität ist besser.

Ich will, dass Sie verstehen, dass Russland nach dem Zerfall des kommunistischen Imperiums die totale Anarchie war. Alles kam in Hände, in die es nicht gehörte und einen funktionierenden Staatsapparat gab es nicht, der die Aufteilung des Kuchens hätte kontrollieren können.

Die Bevölkerung litt unter diesem Zustand, da selbst die Grundversorgung ein Problem für den Staat darstellte. So mussten die Bürger sogar für Brot und Butter stundenlang Schlange stehen und sahen sich einer Kriminalität ausgeliefert, die keine Grenzen kannte. Man hörte Gerüchte von bevorstehenden Überfällen, Schießereien, Pogromen und neuen Revolutionen und sehnte sich nach den guten, alten Zeiten.

Was trieben Wowa und seine Freunde in dieser Zeit?

Einige KGBler taten das, was sie gelernt hatte und gingen in die organisierte Kriminalität, die sie mit der speziellen Ausbildung und hervorragenden Vernetzung nur zu gerne aufnahm. Der andere Teil tat dasselbe, nur unter dem staatlichen Deckmantel. Zwar brach die alte, kommunistische Garde teilweise weg, ein guter Teil blieb jedoch, da niemand die Führung eines Staates besser kannte als die alten Schergen. Und wen engagierte man, um die alten Machtverhältnisse wiederherzustellen oder zumindest in die Richtung eines starken Staates zu gehen? Skrupel- und gewissenlose Männer, die treu wie Hunde waren und ausgebildet wie Maschinen.

Einer der wenigen unabhängigen und liberal denkenden Politiker dieser Zeit war Anatoli Sobtschak. Der ehemalige Juraprofessor wurde ins Parlament gewählt und stieg aufgrund seiner Kompetenz und seines Engagements schnell zu einem der wichtigsten Komponenten  der Gesetzgebung auf. Später wurde er zum Bürgermeister von St Petersburg und blieb den Russen als ehrwürdiger Mann in Erinnerung. So ehrwürdig, wie ein Politiker eben sein kann. Wie das Schicksal es wollte, studierte unser alter Freund Wowa Jura und wurde von Sobtschak unterrichtet. Wowa konnte hart arbeiten und war intelligent, weshalb er immer dabei war, wenn Sobtschak befördert wurde.

Wowa erwies sich als tüchtig und solide, bekam einen Posten nach dem anderen und wurde von den Reichsten und Mächtigsten für zahm genug befunden, um Jelzin zu beerben und den russischen Staat zumindest symbolisch zu leiten. Zu Wowa’s Sponsoren gehörte unter anderem der Medienmogul Boris Berezovski. Dieser wurde vor den Wahlen von einem Journalisten gefragt, ob er nicht befürchte, von Wowa am Tag nach der Wahl fallen gelassen zu werden. Berezovski sagte zur allgemeinen Überraschung nicht nein; er sei sich der Möglichkeit durchaus bewusst und rechne mit allem. Seit 2003 lebt er im Exil in London.

Wowa hatte nicht vor, zahm zu bleiben. Wowa ordnete das Land rasend schnell und mit harter Hand. Wichtige Positionen gab er Freunden und Verwandten, scharte alte Geheimdienstkollegen um sich und schaffte es dennoch, die Macht in seinen Händen zu behalten. Um einflussreiche Gemüter zu beruhigen, warf  er ihnen Knochen hin, die er selbst nicht brauchte; schuf eine neue zufriedene Oberschicht und gab der Unterschicht so ein Feindbild.

Er verhielt sich wie ein schlaues Herrchen, das seinem Hund gerade so viel gibt, dass der Hund überlebt. Nicht mehr, so dass der Hund nicht zu stark und nicht weniger, so dass der Hund nicht wütend wird.

Wowa ging soweit, dass er sogar Stalin widersprach, der zu sagen pflegte: „Niemand ist unersetzlich.“

Wowa hat alles unter Kontrolle. Ohne ihn fliegen keine Flugzeuge, werden Brände nicht gelöscht, gehen Firmen pleite.

Unser alter Freund sieht sich also mit einer alten Situation konfrontiert: Niemand traut sich in sein Haus und Hof.

To be continued…

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