Dritter Teil – Putins Oppositionstheater

Am 24.ten Februar, also etwas mehr als eine Woche vor den Wahlen, war der ‚ultra-rechte‘ Kandidat Wladimir Schirinowski zu Gast in einer beliebten satirischen Sendung im Ersten.

Die Moderatoren baten den für Skandale und Regelwidrigkeiten bekannten Schirinowski, nichts zu tun, was als Wahlkampf gewertet werden könnte.

In Ordnung, sagte Schirinowski, machen wir es so.  Auf meiner Datscha habe Ich einen Esel. Er heißt ‚Proschka‘.

Gemeint war der Präsidentschaftskandidat Prochorow. Schrinowski erwähnte auch  seine Gans  ‚Zjuga‘, angelehnt an Zjuganov, sowie seinen Truthahn ‚Miroschka‘, Mironov.  Im Handumdrehen hatte der dreiste, furchtlose Schirinowski alle Konkurrenten um das Amt des Präsidenten zu Tieren gemacht. Alle, außer unserem alten Freund Wowa. Dieser wurde mit keinem Wort erwähnt.

Wer von Schirinowski gehört hat, wird sich wundern. Ist er doch gefürchtet für seine Wutausbrüche, Kriegsdrohungen und Schlägereien. Ein Mann, denn man nicht kontrollieren könne, heißt es.

Die Erklärung ist simpel und einleuchtend: Schirinowski ist Teil der sogenannten System-Opposition.

Und als Teil ebendieser Opposition darf – oder muss – er sich verhalten, wie ein Irrer.

Wenn Sie sich fragen, was eine System-Opposition sein soll, hier eine Erklärung.

Die System-Opposition ist eine Scheinopposition. Sie erweckt den Anschein einer Demokratie. Die System-Opposition ist Teil des machthabenden Systems und handelt nach dessen Regeln. Die System-Opposition muss frei und unabhängig wirken, darf Wahlkampf machen und wird nicht bei Wahlen oder Kundgebungen behindert. Die System-Opposition darf jedoch bestimme Grenzen nicht überschreiten.

Die System-Opposition kann mit freien Oppositionellen zusammenarbeiten, muss sich jedoch um die eigene Sicherheit keine Sorgen machen.

Die System-Opposition darf ihre demokratischen und revolutionären Forderungen im Fernsehen, auf Kundgebungen und Demonstrationen verkünden, mischt sich jedoch nicht in Regierungsangelegenheiten ein, auch wenn sie zahlreich im Parlament vertreten ist.

Die System-Opposition muss über unausgleichbare Nachteile jeglicher Art verfügen, um keineswegs eine vollwertige Alternative zur Regierung darzustellen. Nachteile sind Inkompetenz, Aggressivität, Alkoholismus, Kriminalität, offensichtliche Korruption, offensichtliche Vetternwirtschaft, Beziehungen zu ausländischen Geheimdiensten, vollkommene Profillosigkeit.

Dies auf Schirinowski zu übertragen, ist nicht sonderlich schwer. Mal fordert er die Überflutung Großbritanniens durch nukleare Explosionen über dem Atlantik oder die Überschwemmung der USA durch Drehung der Erdachse. Ein anderes Mal lautet sein Wahlspruch „Jeder Frau einen Kerl, jedem Kerl zwei Flaschen Wodka.“ und erklärt nebenbei den USA, Israel und halb Europa den Krieg.

Aber: Er darf überall auftreten, wird im Staatsfernsehen rauf und runter gespielt und darf gerne mal die Wahrheit über Putin sagen, es nimmt ihn ja sowieso niemand ernst.

Wladimir Schirinowski und seine Partei erfüllen die wichtigsten Kriterien der System-Opposition, überprüfen Sie es selbst. Er ist unwählbar. Zweifellos ist er ein hoch intelligenter Mensch, vielleicht sogar ein brillanter Politiker. Aber woher soll man das wissen, wo er doch seit Jahren den kriegstreiberischen Faschisten spielt?

Der zweite ‚unabhängige‘ Präsidentschaftskandidat war Michail Prochorow, der drittreichste Mann Russlands und Besitzer des amerikanischen Basketball-Teams New York Nets.

Er ist der Vernünftige in diesem Theaterstück, das uns als Demokratie verkauft wird. Er vertritt moderate, liberale, progressive Positionen, fordert immer das Richtige und kritisiert Wahlfälschungen, mangelnde Pressefreiheit und den desolaten Zustand der Wirtschaft.

Man hätte dieser Scharade Glauben schenken können, wenn Prochorow nicht Multi-Milliardär wäre. Doch als er seine Kandidatur verkündete und einen harten Kurs gegen Putin prophezeite, während Putin ihn als ernstzunehmenden, seriösen und gefährlichen Kandidaten bezeichnete und ihm – als Sportsmann – viel Erfolg beim Wahlkampf wünschte, war alles plötzlich klar. Milliardäre haben ins Russland klare Vorgaben von der Regierung; sie dürfen nicht mal daran denken, ihre goldene Nase in die Politik zu stecken.

Ein Blick ins Handbuch der System-Opposition genügt, um Prochorow als deren Teil auszumachen. Er ist unanständig reich, finanziert die Amis, ist langweilig und verfügt nicht über den Ansatz eines richtigen Wahlprogramms.

Das vorläufige Ende der Prochorow-Show war das Treffen mit unserem Wowa, kurz nach der Wahl. Man besprach die Zukunft des Landes, Wowa erteilte die Erlaubnis für weitere Aktivitäten, während Prochorow sich benahm wie eine Hauskatze.

Der Dritte und Letzte in der Runde (Ja, es gab noch einen, aber glauben Sie mir, das ist der langweiligste Mensch auf der Welt! Und nebenbei ein guter Freund Putins) heißt Gennady Ziuganov und ist Chef der Kommunistischen Partei Russlands. Damit wäre eigentlich schon alles gesagt, aber Ich führe es doch etwas aus.

Politisch gesehen ist Ziuganov ein Verbrecher. Er stieg bereits in den Sechzigern in der Kommunistischen Partei auf und brachte es in den frühen Achtzigern zu einem wichtigen Mitglied in der Propaganda-Abteilung der Partei.

Ziuganovs kommunistische Überzeugungen gingen soweit, dass er sich entschieden gegen den reformistischen Kurs Gorbatschows stellte, bekannt unter den Begriffen ‚Glasnost‘ und ‚Perestroika‘, und somit versuchte, dem  Zerfall des Terror-Regimes entgegen zu wirken.

Anfang der Neunziger war er wieder bei den geschichts-revisionistischen Kommunisten aktiv und forderte eine Rückkehr zum alten System mit allem, was dazu gehört.

Auch diesmal kritisierte er die kapitalistischen Geschwüre, die Russland zugrunde richteten und den westlichen Imperialismus, dem man nur in Form eines überlegenen, da auf Gemeinschaft beruhenden, Kommunismus entgegen treten könne.

Sicher gibt es in Russland viele Nostalgiker, die nichts gegen die UdSSR einzuwenden hätten. Klar ist aber auch, dass kein halbwegs vernünftiger Mensch die Probleme Russlands im westlichen Imperialismus oder im kapitalistischen Unternehmertum sieht.

(Welches Unternehmertum?)

Im Gegensatz zu dem irren Schirinowski ist Ziuganov kein Schauspieler; er glaubt fest an seine Worte. Für Putin kommt es aber aufs Gleiche raus. Ob er jemanden bezahlen muss, der Putins Alternativlosigkeit beweist oder ob es jemand ganz von alleine tut, ist Putin völlig egal.

Die russischen Bürger, hätten sie die Wahl denn erst genommen, würden sich 5 Kandidaten gegenübergestellt sehen. Einem im Nichts verschwindenden, einem Unberechenbaren, einem Rückwärtsgewandten, einem unbekannten Superreichen und Wowa, dem Bewährten, Altbekannten, Vertrauten, Stabilen.

So dachten und denken die wenig informierten Russen: Mit Wowa wird es nicht besser, aber auch nicht schlechter.

Und was schlechter bedeutet, wissen sie ganz genau, sie können sich gut daran erinnern.

Ist das Land denn völlig frei von Demokraten, fragen Sie sich womöglich. Gibt es denn niemanden, der Putin Paroli bieten kann? Niemanden, der sowohl intelligent, als auch populär wäre?

Selbstverständlich gibt es sie. Nicht zuhauf, aber doch gibt es sie.

Fortsetzung folgt.

Über filipppiatov

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9 Antworten zu Dritter Teil – Putins Oppositionstheater

  1. arprin schreibt:

    Guter Beitrag. Aber ich verstehe nicht folgende Aussage:
    „Prochorow kritisiert den desolaten Zustand der Wirtschaft.“

    Geht es in Russland nicht zumindest wirtschaftlich bergauf? Klar, es gibt viel Korruption und Ungleichheit, aber der Bevölkerung geht es besser als in den 90ern. Von daher finde ich es merkwürdig, daS Prochorow die wirtschatliche Lage „desolat“ nennt.

  2. filipppiatov schreibt:

    Die Wirtschaft ist volkommen abhängig vom Öl, gut in den letzten Krisenjahren zu beobachten. Klar ist es besser als in den 90ern, aber das ist ja auch wirklich nicht schwer. Die 90er waren Chaos pur, dh raubritterliche Verhältnisse.
    Der desolate Zustand der russischen Wirtschaft ist übrigens Konsens, auch wenn Putin und Co. es nicht aussprechen, sondern weitreichende Modernisierungsmaßnahmen ankündigen, die unbedingt notwendig seien.

  3. Karl Eduard schreibt:

    Liest sich wie eine Beschreibung Deutschlands. Was die Systemopposition betrifft.

  4. filipppiatov schreibt:

    Wo sind die hiesigen Parallelen zum russischen System?

  5. aron2201sperber schreibt:

    „so einen wie Putin“ wünschen sich auch in Westeuropa leider viele.

    der KGB-Mann findet unter hiesigen Konservativen fast genauso viele Bewunderer wie unter unseren linken Antiimperialisten.

    die Sehnsucht nach dem starken Fascho-Macho scheint trotz offiziell verordneter „Political Correctness“ immer noch viele Anhänger zu finden.

    während die amerikanischen Republikaner ein absolutes „no go“ sind, ist es wesentlich salonfähiger Putins Politik zu loben, da man argumentieren kann, dass der ignorante Westen Russland nicht verstehe.

    ein Bonmot, das gerade in progressiven Gesellschaften stets gut ankommt

  6. Pingback: “So einer wie Putin” « Aron Sperber

  7. Pingback: Vierter Teil – Putins Gegner | Liberales aus Politik, Gesellschaft und Kultur

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