Hilf Ägypten, Palästina!

„We intend to make the Palestinian issue our main issue.” Dieser Satz könnte von Herrn Polenz’ Pinnwand stammen, aus dem Mund einer linken, israelischen Friedensorganisation, dem Programm der Linken oder dem Stammtisch der Vereinten Nationen. Tut er aber nicht. Die Palästinensische Sache zur Hauptsache zu machen will niemand Geringeres, als der Präsidentschaftskandidat der Moslembruderschaft Ägyptens, Mohamed Mursi.

Wie es dazu kam? Die Brüder saßen vermutlich in einem gut besuchten Café in Kairo und besprachen aus Langeweile – Frauen gibt es in ägyptischen Cafés nicht – den Wahlkampf. Man suchte ein geeignetes politisches Thema, der religiöse Teil stand ja bereits, und überlegte krampfhaft, welches Problem man angehen und lösen wollte. Zwischendurch kaufte man einem bettelnden, fünf-jährigen Mädchen eine Packung Taschentücher ab und bestellte neuen Tabak. Plötzlich kam die ewige, allmächtige, alles beherrschende Idee auf: Wir helfen den Palästinensern!

Bild: Bankgebäude in Ramallah

Ich hatte die Freude, sowohl die Westbank, als auch Ägypten bereisen zu dürfen. Gaza reizte mich aus lebenstechnischen Gründen nicht, obwohl ich natürlich problemlos über Ägypten in die palästinensische Stadt Rafah hineingekommen wäre. Wobei Gaza auch die Ägypter wenig interessiert, da es alles dafür tut, nicht voranzukommen.

Man kann also damit rechnen, dass die Ägypter der Westbank helfen werden. Aber womit und wozu eigentlich? Ich möchte keine Realitäten einstürzen lassen, aber die Westbank verhält sich nunmal zu Ägypten, wie Porsche zu Lada.

Klar, die willkürlich gebaute „Mauer“, die heuschreckenartigen Siedlungen, die vollkommene Abwesenheit von Wasser, die Erniedrigung durch die israelische Armee; all das müsste die Westbank in ein absolutes Dritte-Welt-Land verwandeln, dass nur zu dringend Hilfe vom großen, ägyptischen Bruder braucht.

Aber vergleichen wir mal Westbank und Ägypten und überlegen uns, ob Ägypten nicht besser sich selbst helfen sollte.

Fangen wir beim Human Development Index an. Das sogenannte „palestinian occupied territory“, also Westbank und Gaza zusammen, bekam 2009/2010 eine Wertung von 0,737 und damit Platz 110. Man kann annehmen, dass Gaza unterdiesem Wert liegt, das Westjordanland folglich darüber. Der gemeinsame Wert lag dennoch über den Tunesiens, Algeriens, Syriens und auch Ägyptens, welches mit knapp 0,66 auf Platz 123 erreichte. Irgendwas müssen die Palästinenser also haben, was Ägypten nicht hat. Schauen wir weiter.

Ein wichtiger Indikator für das Wohlergehen eines Landes ist die Kindersterblichkeit. Auch diese Werte erstaunen angesichts des Vorhabens der Muslimbruderschaft, den Palästinensern zu helfen. In Gaza und Westbank sterben etwa 22 (viele Statistiken sprechen sogar von 16) von 1000 Kindern in den ersten fünf Lebensjahren. Diese Werte, wiederrum zusammengesetzt aus dem niedrigeren Gaza- und dem höheren Westbank-Wert, stehen etwa 25 ägyptischen Sterbefällen gegenüber.

Ebenso sieht es bei der Lebenserwartung aus. Sowohl Männlein, als auch Weiblein in Westbank und Gaza leben fast 2 Jahre länger als ihre ägyptischen Freunde. 72,6 männliche Jahre stehen 70,1 gegenüber, palästinensische Frauen werden mit 76,4 Jahren älter als die Ägypterinnen mit 75,4.

Auch die Alphabetisierungsrate im Westjordanland- und Gazabewohner überragt Ägypten deutlich. Nicht umsonst zählen Palästinenser zu den gebildetsten Bewohnern des Nahen Ostens. Über 92% der Palästinenser können lesen und schreiben, während man in Ägypten von 50-65% ausgeht. Im schlimmsten Fall kann also die Hälfte der ägyptischen Bevölkerung nicht lesen.

Kulinarisch werden sich die Palästinenser ebenso wenig von Ägypten helfen lassen. Sie sind statistisch nicht nur wesentlich dicker als ihre ägyptischen Freunde, sondern speisen auch nach westlichen Maßstäben sehr anständig. Das ägyptische Nationalgericht heißt Koshary und besteht aus Linsen, Reis, Nudeln und Erbsen. „Unser Zement“, nennen es die Ägypter.

Das ägyptische Vorhaben, den Palästinensern zu helfen, ist also vollkommener Unsinn. Es gibt nicht nur genug andere Länder, die weit hinter Gaza und vor allem der Westbank liegen, auch Ägypten selbst hat so dermaßen viele soziale, wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Probleme, dass ich ihnen dringend empfehle, sich lieber von den Palästinensern helfen zu lassen.

Bild: Slums in Kairo

‚Unverschämt! ‘, werden Sie vielleicht denken. 2,5 Millionen Palästinenser (Westbank) sollen 80 Millionen Ägyptern helfen? Nun, wesentlich perverser ist, dass die Palästinenser sich seit vielen Jahrzehnten von ca. 4 Milliarden Menschen (optimistisch geschätzt) helfen lassen. EU, UN, USA, Russland, diverse Menschenrechtsorganisationen. Das macht etwa 1600 Helfer pro Palästinenser und ist weitaus weniger absurd als die 32 Ägypter – 12 bis 16 davon Analphabeten -, denen ein Palästinenser helfen müsste. Und irgendwann müssen die Palästinenser ja etwas an die Welt zurückgeben, nach 40 Jahren Abhängigkeit; so etwas sollte auf Gegenseitigkeit beruhen.

Hier einige Hilfsprojekte, die ich stellvertretend für Herrn Abbas ins Leben rufe:

-Religiös-Humanistische Initiative zur Förderung des gesellschaftlichen Friedens nach Betlehemer Vorbild

-„Nablues“, Verein für musikalische Früherziehung und Kulturförderung ägyptischer Kinder

-„Palice“, Ausbildungsmaßnahmen für ägyptische Sicherheitskräfte zur Unterdrückung extremistischer Gruppen nach Vorbild der Westbank

-„Hebron liest ein Buch“, Stiftung zur Literaturförderung und „90+“, Verband wohltätiger Sprachlehrerinnen, der die Anhebung des Alphabetisierungsgrades auf über 90% als Ziel verfolgt

In diesem Sinne: Hilf Ägypten, Palästina!

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