Wie ein Jude den Talmud lernt

Eines Tages trat ein interessierter Ungläubiger zu einem Rabbiner und bat ihn guten Mutes und frohen Herzens um einen – nach seinem Erachten – kleinen Gefallen. Rabbi, sagte er, bringen Sie mir doch bitte den Talmud bei. Der Rabbi verschlucke sich an einem Nachmittagstee und fuchtelte aufgebracht mit beiden Händen, dass der Bart nur so hin und her schaukelte. Weg!, rief er und fragte G’tt, wofür das wohl die Strafe sei. Der Ungläubige war jedoch fest in seinem Wunsch und fröhlich in seiner Seele und ließ nicht ab. Er bat den Rebbe, ihm nur ein wenig beizubringen; einige elementare Weisheiten. Der Rabbi hatte seinen Tee geleert und konnte sich nicht verschlucken, schrie jedoch aufgebracht, dass der Talmud so jüdisch sei, dass ein Ungläubiger ihn nicht verstehen könne und dass es Zeitverschwendung sei, die man nicht anders als Wahnsinn bezeichnen könne. Der Ungläubige verlor seine Hoffnung nicht und beharrte auf einem kleinen Gefallen; eine Weisheit wolle er lernen und sehen, wie es weiterginge.

Der Rabbi hatte keine Kraft zu streiten und gab unwillig nach. Eine Weisheit, sagte er. Und er stellte dem Ungläubigen eine Frage: Aus einem Schornstein steigen zwei Männer. Der eine ist schwarz wie die Nacht und voller Dreck, während der andere weiß ist wie der Schnee und kein Staubkorn auf seiner Kleidung liegt. Welcher der beiden wird sich waschen?

Der Ungläubige antwortete umgehend und selbstbewusst. Natürlich würde sich der Dreckige waschen, denn warum sollte sich ein sauberer Mann waschen? Falsch, rief der Rabbi und wollte den Ungläubigen wegschicken; doch der blieb und bat um die Aufklärung des Rätsels. Welch Rätsel!, spottete der Rebbe, beschloss jedoch zu antworten. Nun, sprach er; der Dreckige würde den Sauberen ansehen und von ihm auf sich schließen; der Saubere würde den Dreckigen ansehen und schließen, dass auch er dreckig sei. Folglich würde sich der Saubere waschen. Und nun geh, schrie der Rabbi und sank genervt auf seinen Stuhl.

Aber die Enttäuschung des Ungläubigen war nicht groß genug und er bat den Rabbi weiter. Noch eine Weisheit! Der Rabbiner verfluchte diesen Tag, konnte den unbelehrbaren Gast jedoch nicht verjagen. Er stellte ihm eine Frage: Aus einem Schornstein steigen zwei Männer. Der eine ist schwarz wie die Nacht und voller Dreck, während der andere weiß ist wie der Schnee und kein Staubkorn auf seiner Kleidung liegt. Welcher der beiden wird sich waschen?

Der Ungläubige war erstaunt, aber glücklich und antwortete, dass der Saubere den Dreckigen und der Dreckige den Sauberen anblicken würde und so würde der Saubere aus dem Zustand des Dreckigen schließen und sich waschen, während der Dreckige aus der Sauberkeit des anderen schließt und sich nicht wäscht.

Falsch!, rief der Rabbi so wehmütig, als würde der liebe G’tt persönlich ihn tadeln und wollte sich abwenden, als der Ungläubige auf eine Erklärung pochte. Der Rabbi ließ sich wieder zu einer Antwort überreden. Und so sagte er: Falsch, die beiden würden nach Hause kommen, so G’tt will, und in den Spiegel schauen. Warum sollte sich der Saubere waschen, wenn er sich im Spiegel sehen würde und warum sollte der Dreckige nach dem Anblick seines Spiegelbildes dreckig bleiben?

Der Ungläubige wurde aufgebracht und erwiderte, dass er nichts von den Spiegeln gewusst hätte und die Antwort folglich nicht liefern konnte. Die Antwort des Rabbis ertönte sofort. Ein Jude würde die Existenz von Spiegeln berücksichtigen, denn ein Jude denke an alles und betrachte alle Eventualitäten. Aber nun solle der Ungläubige gehen.

Daran dachte er nicht, denn die Enttäuschung war nun zu groß, als dass er mit ihr nach Hause gehen wollte. Erneut bat er den Rabbi, doch diesmal um die letze Weisheit und schwor auf alles, was er besaß und kannte, dass er danach gehen würde. Der Rabbi, kurz vor der endgültigen seelischen Erschöpfung, bejahte und stelle eine letzte Frage: Aus einem Schornstein steigen zwei Männer. Der eine ist schwarz wie die Nacht und voller Dreck, während der andere weiß ist wie der Schnee und kein Staubkorn auf seiner Kleidung liegt. Welcher der beiden wird sich waschen?

Der Ungläubige antwortete: Wenn es keine Spiegel gibt, so betrachten die beiden Männer sich gegenseitig und der Saubere schließt aus dem Anblick des Dreckigen, dass er sich zu waschen habe, während der Dreckige aus der Sauberkeit des anderen seine eigene Sauberkeit ableitet und dreckig bleibt. Gibt es jedoch Spiegel, so betrachten sich beide darin und erkennen ihren eigenen Zustand. So würde sich also der Dreckige waschen und der Saubere nicht.

Nein!, schrie der Rebbe laut und brachte damit den Ungläubigen beinahe um. Mit einer letzten, inbrünstig hervorgebrachten Bitte überzeugte er den Rabbi, noch einmal zu erklären. Der Rabbiner sagte: Warum sollte irgendjemand sauber aus einem Schornstein kommen? Kennst du etwa keine Schornsteine?!

Das war dem Ungläubigen zu viel und er warf dem Rabbi Unfairness vor. Wieder nein, antwortete der Rabbiner. So erforsche der Jude eben den Talmud.

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