Das Imperium schlägt zurück

Einige Monate ist es nun her, dass Massendemonstrationen die Hauptstadt Russlands erschütterten und den revolutionären Funken in die Köpfe vieler Bürger zu pflanzen suchten. So ganz ist es ihnen nicht gelungen. Die Demonstrationen – auf Russisch „Meetings“ – sind vorbei. Im Mittelpunkt der oppositionellen Bewegung stand in letzter Zeit der Prozess gegen die Band Pussy Riot, dessen ungerechtes Urteil am Freitag letzter Woche gesprochen wurde. An diesem Tag hatten sich viele normale Bürger, aber auch prominente Oppositionelle vor dem Gericht versammelt, um zu demonstrieren oder sich das Geschehen anzusehen. Dabei war auch einer der besten Schachspieler aller Zeiten und weltweit bekannter Regimekritiker Gari Kasparow.

Er unterhielt sich gerade mit Journalisten, als mehrere Polizisten auf ihn zukamen, ihn an Armen und Beinen packten und versuchten, ihn in den Polizeibus zu zerren. Kasparow wehrte sich nach Leibeskräften und fragte die Beamten mehrmals nach dem Grund seiner Festnahme. Ohne Resonanz. Nach einiger Zeit im Bus gelang es Kasparow, sich für kurze Zeit zu befreien und aus dem Bus zu entkommen, worauf die Polizisten ihn auf den Boden warfen und auf ihn einschlugen.

Nun ist ein solcher Vorfall nichts Besonderes im zaristischen Russland. Die Behörden wollen die Opposition ein wenig für den Aufruhr der letzen Monate abstrafen. Die Art und Weise der Festnahme und die – von Kasparow geschilderten – verstörenden Geschehnisse im Bus sind jedoch eine nähere Betrachtung wert.

Die Polizei beschuldigte Kasparow nach der Festnahme, einen Beamten gebissen zu haben, was dank der umfassenden Videoaufnahmen glücklicherweise widerlegt werden kann. Der Festgenommene erkundigte sich im Bus nach dem Grund seiner Verhaftung. Statt der üblichen Antworten – Beamtenbeleidigung, Ruhestörung, etc. – bekam er etwas Anderes, Ehrliches zu hören. „Befehl von oben“, hieß es. Kasparow berichtet von einer Art Doppelwelt zwischen Staatstreue und Unrechtsverständnis. Die Beamten im Bus wussten genau, weshalb sie ihn festgenommen hatten und machten kein Geheimnis daraus. Einige von ihnen unterhielten sich mit Kasparow, als säße man am Feierabend in einem Straßencafé. „Schön, sich mit einem intelligenten Menschen zu unterhalten.“, meine einer. Ein anderer brauchte Hilfe beim Lösen eines Kreuzworträtsels und erkundigte sich nach dem sechsten Schachweltmeister. Man fand raus, dass schon der Vater eines der Polizisten Kasparow einmal festgenommen hatte, damals beim Prozess gegen den Oligarchen Chodorkowski. „Familientradition“ nannte es der Polizist, man lachte. Ein Beamter warf Kasparow vor, Staatsfernsehen mit Berezovskis Geld zu machen. (Berezovski gehörte ursprünglich das Staatsfernsehen, bis die Regierung ihn erpresste und die Anteile zu einem Spottpreis abkaufte.) Kasparow zeigte auf das Putin-Portrait und sagte nur, dort sei Berezovskis Geld.

Was ist das für ein System, an das nicht mal mehr die Polizisten glauben, die es rechtswidrig verteidigen?

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2 Antworten zu Das Imperium schlägt zurück

  1. System? Es ist das System „Mensch“. Oder anders gefragt: Was sind das für Menschen, die in Polizeiuniform wissentlich das Falsche tun, nur, damit am Monatsende Geld auf dem Konto ist?

  2. aron2201sperber schreibt:

    Kritische Stimmen im eigenen Land werden von Putin mit altbewährten KGB-Methoden zum Schweigen gebracht.

    Kritische Stimmen im Ausland sind hingegen hocherwünscht.

    Daher betreibt Putin für das kritische westliche Publikum einen eigenen Propaganda-Sender namens Russia Today.

    Eine bemerkenwerte Wandlung hat ab 2002 der deutsche Kai Homilius-Verlag durchgemacht, der 1994 als harmlose Reiseführer-Serie begonnen hatte:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/08/11/putins-deutsche-pussy/

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