Maulhelden unter sich

Kurz nach 12 Uhr deutscher Zeit machte mein Herz heute einen gewaltigen Sprung. Aufgeregt wie noch nie sah ich schon die Schlagzeile vor mir, während ich vorm Fernseher saß und diese fantastischen Bilder genoss. Die Schlagzeile hatte ich im Kopf: Groß, in schwarzer Schrift, über mehrere Zeilen. Nur mit dem Text hatte ich so meine Probleme. Nun, ich versuche es mal. Wie wäre es mit „0,01% aller Moskauer treffen sich zum „Marsch der Millionen“ und fordern erneute Parlamentswahlen“.

Um es kurz zu erläutern: Sämtliche Oppositionsbewegungen hatten zum ersten Mal nach der Wieder“wahl“ Putins zu Massendemos aufgerufen. Diese Demos heißen seit etwa einem Jahr allesamt „Marsch der Millionen“, wobei die maximal erreichte Teilnehmerzahl nicht einmal am Fünftel der Million kratzte. Passender wäre wohl der Name „Märsche der Million“, so dass man nach 10-20, an schlechten Tagen 30, Märschen die Million wirklich vollbekommen könnte. So beginnt und endet jeder Marsch automatisch mit einer Enttäuschung. Aber genug über Kleinigkeiten; schließlich traf sich die gesamte geistige Elite der russischen Opposition zu einer fast historischen Kundgebung zusammen um das Ende und den Anfang von allem zu proklamieren.

Politiker, Journalisten, Schachweltmeister und Anwälte betraten die Bühne, beleidigten den Präsidenten rauf und runter, skandierten einige gute eingeübte Reime und erzählten von ihrer unermüdlichen Arbeit für das Volk.

Wieder demonstrierten alle gemeinsam, um irgendeine Einigkeit zu zeigen, um als eine Kraft dem Präsidenten gegenüber zu treten, um die Oppositionsbewegung zu stärken und den Volkswillen zu vereinen. Selbsternannte Liberale und alte Kommunisten, zusammen mit Ultranationalisten und Tierschützern. Wenn man Probleme hat, genügend Menschen zur Demo zu locken, ist das sicherlich vorteilhaft. Politisch jedoch völliger Schwachsinn. Eine Szene machte das besonders deutlich. Eine junge Kommunistin kündigte den Schachweltmeister, Buchautor und Unternehmensberater  Gari Kasparow an, nachdem sie zuvor die Worte „Die Macht den Millionen, nicht den Millionären“ skandiert hatte. Gari Kasparow, ein Mann zweifelhafter Herkunft beschloss, die Menge mit einem ganz besonderen Spruch aufzuheizen. „Wem gehört Russland?“, rief er mehrmals aus.

Mich hätte die Antwort der Ultrarechten – kurzum Faschos – interessiert. „Nicht dir, du armenisches Judenschwein“ wäre sie wohl gewesen. Wie kommt man überhaupt darauf, jüdische Intellektuelle neben Nazis stehen zu lassen und „gemeinsam“ für irgendetwas zu streiten?

Schon die Forderung der 10.000-20.000 Demonstranten nach Neuwahlen ist alleine angesichts der Quantität erstaunlicher Unsinn, wenn man bedenkt, dass in der Kleinstadt Tel Aviv bis zu 300.000 Menschen bei einer Demonstration auf die Straße gehen. Für russische Verhältnisse mag so eine Demonstration groß sein, aber wenn ein Zehntausendstel der Bevölkerung etwas fordert, wird dem nicht mal in einer Demokratie nachgekommen. Putin dürfte sich köstlich vor dem Fernseher amüsiert haben.

Doch nicht die Menge machte Veranstaltung  zu einem Desaster. Diese Oppositionellen sind nichts als Schöngeister mit spitzen Federn, den Kampf gegen die Obrigkeit genießend, doch von ebendieser nur geduldet, da zu nichts außer hübschen Artikel fähig. Sie sitzen in schönen Wohnungen, schreiben für Zeitungen und genießen den schmerzlosen Kampf sowie die arbeitslose Reformation.

Diese intellektuelle Klasse der russischen oppositionellen Bewegung lebt von ständiger Selbstbeweihräucherung. Alle kennen sich, wenige mögen sich und jeder ergötzt sich an den feinen Spötteleien, die er täglich gegen Putin und seine Helfer fabriziert. Jeder weiß sich geschickt in Szene zu setzen, wenn Putin mit freiem Oberkörper jagt und alle haben ein witzig ausgefeiltes Wort übrig, wenn junge Russinnen für 2 Jahre ins Arbeitslager müssen.

Aber treffen sie sich zu wöchentlichen Treffen, arbeiten sie politische, wirtschaftliche und soziale Programme aus, planen sie überhaupt irgendetwas außer ulkigen Beleidigungen gegen den Lieblingsfeind? Diese Opposition ist unproduktiv und nutzlos. Ihre Spezialität sind Worthülsen und unterhalterische Tätigkeiten aller Art. Ihr Ziele sind edel und ihre Reden fein, ihre Blicke leidenschaftliche und ihre Stimmen laut. Aber von Demokratie, von Wahlkampf und politischem Klein-Klein haben sie nicht die Spur einer Ahnung.

Sind das die Leute, die Russland aus der Apathie holen sollen? Die das System Putin stürzen und es demokratisch ersetzen werden?

Sollen sie nur weiter vor ihren Schreibtischen sitzen, vor Kühnheit zitternd und mit letzter Tinte ihren künstlichen Zynismus zu Papier bringen. Verändern werden sie nichts.

Über filipppiatov

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7 Antworten zu Maulhelden unter sich

  1. franz von fear schreibt:

    Schon mal auf der idee gekommen das die russen mehrheitlich mit das „system putin“ bestens zufrieden sind? Mit das system “ freier liberaler westliche finanz mafia“ welches unter jelzin binnen wenigen jahren das land vast vollständig ausplunderter braucht man den russen jetzt wirklich nicht mehr kommen, auch wenn die sich z.zt unter „demokratische reformen“ tarnt.

    Vladimir mag wohl ein mafiosi sein, aber er ist russischer mafiosi und vertritt rissische interessen. Ohne putin wäre russland längst kolonie von goldmann sachs und jp morgan mit geschäftssitz telaviv.

  2. Leiba Bronstein schreibt:

    „Vladimir mag wohl ein mafiosi sein, aber er ist russischer mafiosi und vertritt rissische interessen. Ohne putin wäre russland längst kolonie von goldmann sachs und jp morgan mit geschäftssitz telaviv.“ — Antisemiten aller Länder vereingt Euch um Putin?

    Es ist wirklich nett zu sehen, wie einer, der keine Ahnung hat über die zustände in Russland un in Moskau schreibt und den armen Putin von pöhsen Demokraten verteidigt. Aber, wie wir anhand kleiner aber feiner Fangemeinde unserer Blogger sehen können, es gibt doch Leute, die seine Meinung teilen. Putin als Verteidiger Russlands von Judischen Liberalismus. Junge Mann, sie haben den Zeitgeist erfasst.

  3. Harald schreibt:

    Was ist es?
    Die Enttäuschung über die Wirkungslosigkeit?
    Die Arroganz?
    Die Überheblichkeit?
    (Sie bewirken nichts, also sollen ihre große Klappe halten!(?)
    Oder sind es neue „Seilschaften“ (ökonomischer Art, Handelsbeziehungen) mit Putin?

    Oder darf man den Text wörtlich nehmen, insbesonder hinsichtlich des Demokratieverständnisses der Opposition? (oder sollte man „Opposition“ in Anführungszeichen setzen?)

    Die Begehrlichkeiten bezüglich eines inzwischen real und noch mehr potentiell superreichen Landes
    ((Fläche, Bodenschätze)/Bevölkerungsanzahl) sind groß.
    Wen interessiert da „Demokratie“?

    Russland hat sich gewandelt, hin zum Kapitalismus.
    So gesehen ist es (+-) so demokratisch wie andere kapitalistisch geprägte Staaten.

    Das Geld, das Äquivalent zu Potentieller Energie
    (was das „Vermögen“ (im wahrsten Sinn des Wortes), nicht die Aneignung betrifft)
    regiert.

    Es befindet sich nach Meinung der „Opposition“ nur in den falschen Geldsäcken.

  4. Harald schreibt:

    …oder ist es die Ernüchterung angesichts der Konsequenzen bezüglich der Haltung Russlands (und Chinas….) zu Syrien, Iran…,
    für die man einen Schuldigen braucht?
    (Was meiner Meinung nach so weit nicht hergeholt ist.)

    Die „Opposition“ demonstriert,
    solange das Wahlergebnis nicht ihrer Vorstellung entspricht.

    Das ist wahres Demokratieverständnis.
    Die Wähler sind sowieso Dummköpfe und Vollidioten.

  5. Emil schreibt:

    Lieber Filipp!

    Als jemand mit ähnlichem „Migrationshintergrund“ wie Du, habe ich mich gerade gewundert, wie Du auf solche Gedanken kommst? Alles deutet darauf hin, dass Du genauso wie die meisten Menschen in Deutschland kaum eine Ahnung (diplomatische Form von „keine Ahnung“) hast, was in Russland eigentlich passiert. Nun, das ist keine große Sünde. Viel schlimmer finde ich, dass Du ziemlich böse und arrogant deine Sicht der Dinge äußerst. Deswegen habe ich gerade ein paar Minuten verschwendet um Dir zu sagen: Junge, sei nicht so böse! Sei etwas menschlicher und dann werden Dir die Menschen, die für die Werte der europäischen Zivilisation eintreten, etwas näher.

    Ich bin mir sicher du bist intelligent genug und für die „Guten“ noch nicht verloren.

    Gruß
    E.K.

    P.S. „…Gari Kasparow, ein Mann zweifelhafter Herkunft…“ – so etwas zu schreiben ist wirklich peinlich. Gerade für Dich.

  6. Justin schreibt:

    Zitat: „Sollen sie nur weiter vor ihren Schreibtischen sitzen, vor Kühnheit zitternd und mit letzter Tinte ihren künstlichen Zynismus zu Papier bringen. Verändern werden sie nichts.“

    Gilt das nicht auch für Dich, lieber Autor, der du großspurig vom sicheren Sessel aus den mangelnden Mut anderer kritisierst?

    • filipppiatov schreibt:

      Endlich eine lohnenswerte Frage!
      Ich habe Massendemonstrationen und Kundgebungen nicht nötig. Für meine politischen Ziele kann ich mich dank existierender politischer Strukturen anders einsetzen. Ich engagiere mich politisch, seit ich 18 bin.

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