Wer Russland revolutioniert

Den letzten Artikel schrieb ich mit gefühlt letzter Tinte und zitterte zeitweise vor Kühnheit. Ich vergaß jedoch, darauf hinzuweisen und so schlugen mir Spott und Verachtung entgegen. Ich sei doch ein furchtbarer Mensch (wenn überhaupt), so wie ich mit der russischen Opposition umspringe, wie ich ihre Bemühungen verachte und den Präsidenten vor ihnen verteidige. Wie könne ich nur Menschen, die in einer Diktatur auf die Straße gehen, nicht würdigen? Zum Teufel damit, dass sie Selbstdarsteller sind, weniger Programm haben als die Piratenpartei und sich schon durch den Namen ihrer schlecht besuchten Veranstaltung („Marsch der Millionen“) der Lächerlichkeit preisgeben. Immerhin tun sie etwas!

Ausgewiesene, langjährige Russlandexperten (ohne Russischkenntnisse) bezeugten ihre andauernde Bewunderung für die oppositionellen Aktivitäten und behaupteten, sich ebenso lange und intensiv mit den Systemgegnern zu beschäftigen. Es fehlte nur noch, dass Herr Scholl-Latour sich bei mir beschwerte.

Wer sich jedoch Experte schimpft und dem Gegenüber sofort die niedrigsten Beweggründe unterstellt, weil er zu dämlich ist, meine anderen Artikel zum Thema zu lesen, handelt instinktiv und damit hoch interessant.

Schon das Wort „Opposition“ scheint dermaßen erregend zu wirken und so viele jugendliche Revolutionsträume wiederzuerwecken, dass jeglicher intellektuelle Widerstand zwecklos wird. Mir,  der nie eine linke, sozialistische Phase hatte, ist es wenig verständlich, dass so Viele derart wild darauf sind, sich mit dem David zu solidarisieren, nur weil Goliath ein Arschloch ist. In letzter Zeit sah man das während des arabischen Frühlings, jetzt in Syrien. Gibt es etwa ein Naturprinzip, das dem Kleineren einen absoluten Anspruch auf Wahrheit gewährleistet oder zumindest ein Anrecht auf moralische Privilegien?

Nun, über Syrien kann ich Ihnen nichts erzählen. In Fachmagazinen liest man zwar viel Anderes, Interessantes und Aufklärendes. Aber im Gegensatz zu ausgewiesenen Experten für oppositionelle Aktivitäten aller Art erlaube ich mir weder Analyse noch Urteil über den syrischen Bürgerkrieg. Umso besser bin ich jedoch in der Lage, den hiesigen Russlandkennern ohne Russischkenntnisse einen Blick hinter die Kulissen der westlichen Berichterstattung zu ermöglichen.

Hier präsentiere ich Ihnen einen Anführer der Russischen Opposition und den Anführer der Linken Front Russlands, Sergei Udaltsov. Ich habe ihn bereits im vierten Teil meiner Putin-Serie vorgestellt, was ausreichen sollte, um sich ein Bild von ihm zu machen. Nach dem ich Ihnen in den folgenden Absätzen seine Meinung zur russischen Oppositionsbewegung vorgestellt habe, dürfen Sie selbst urteilen. Anhand konkreter Aussagen und in dem Wissen, dem SPON-Leser etwas voraus zu haben. Stellen Sie sich die Frage, inwiefern eine Revolution möglich ist, ob genug Wille und Opfer- sowie Arbeitsbereitschaft besteht. Ob Revolution der richtige Begriff ist und was es zu einer Revolution benötigt.

Nach dem letzten Marsch der Millionen, dessen Teilnehmerzahl auf unter 50.000 beziffert wird (Udaltsov spricht aus unerfindlichen Gründen von bis zu 200.000), kam in oppositionellen und freiheitlichen Medien die Frage auf, woran das liegen könnte. Udaltsov, Sozialist und damit bekennender Anhänger und Verteidiger der Massen, erklärt es sehr banal. In den letzten Wochen und Monaten verhielt sich das Regime vorsichtiger, in dem Bewusstsein, die Massen nicht zu reizen. Der durchschnittliche, zuvor empörte und gereizte Bürger sah also keinen allzu großen Grund mehr, sich auf die Straße zu mühen, wo doch plötzlich alles ruhiger und damit hinnehmbarer war. Wenn Udaltsov die Massen also als dermaßen reaktionär und oberflächlich sieht, als so genügsam und uninformiert; wie will er sie zu einer Revolution animieren und wie meint er, eine direkte Demokratie für sie aufbauen zu wollen? Denn falls Putin nicht anfängt, öffentlich kleine Kinder zu verspeisen, wird die Oppositionsbewegung nach Udaltsovs Theorie nur noch weiter schrumpfen.

Auf die Frage nach den Zielen der Opposition und ihrer Unzugänglichkeit fürs Volk antwortet Udaltsov, dass diese Ziele eigentlich ganz simpel und auch nicht allzu zahlreich wären. Er hat leider Recht, sein Manifest mit den Reformplänen passt auf zwei Seiten.  Andererseits begründet er seinen Optimismus für das erfolgreiche Bestehen einer russischen Demokratie damit, dass das Volk gelernt hat und nicht mehr auf Populisten und Radikale hereinfallen, sondern nach dem sorgfältigen Durcharbeiten der Parteiprogramme den geeigneten Kandidaten auswählen wird. Nun, nach seiner eigenen Theorie dürfte Udaltsov, der vorgezogene Wahlen fordert, also auf keinen Fall wiedergewählt werden.

Ab und an fällt jedoch auch beim ihm der ideologische Schleier und er antwortet vernünftig und rational. Die Frage nach der Unzufriedenheit mit den Anführern der Opposition kontert Udaltsov mit einer intelligenten Gegenfrage: Was macht jeder Einzelne täglich für die Opposition, für den Widerstand? Auf die Anführer zu schimpfen sei sicherlich ganz nett, aber doch wenig hilfreich, wenn man sich selbst nicht jeden Tag bereitwillig für die Bewegung engagiere. Frei nach dem Motto, wer nichts tut, macht auch keine Fehler. Aber welche Lehren zieht Udaltsov aus diesen richtigen Gedanken? Anstatt die Bürger selbst zu aktivieren, schiebt er die Schuld an der Erfolglosigkeit der letzten Proteste auf die vorsichtige Politik des Präsidenten.

Wie stellt er sich die Zukunft der Proteste vor, fragt man. Diese Märsche der Millionen hätten ja keinen allzu großen Erfolg. Nun, Udaltsov ist Romantiker, Sozialist, Idealist. Er träumt von einer Revolution im ukrainischen Stil, meint er. Wochenlang die Stadt besetzen, die Regierung aus dem Amt demonstrieren. Dann überlegt er kurz und fügt hinzu: Natürlich nicht mit demselben Resultat. Blöd, dass die ukrainische Revolution gescheitert ist. Dabei hatte das lange Campen in Kiev doch so viel Spaß gemacht, mit viel Musik und heißem Tee. Udaltsov findet den revolutionären Prozess an sich also lohnenswert; das Ergebnis ist zweitrangig.

Bei all diesen Aussetzern muss man vor allem eine Frage stellen. Die Frage nach dem Wesen und der Tragweite einer Revolution. Hier zwei Prämissen. 1.) Eine Revolution beinhaltet ein Ziel. 2.) Das Ziel erreicht man durch die Beseitigung gegenwärtiger Hindernisse. In Russland sind die wesentlichen Hindernisse zwar vielfältig, aber doch ganz gut zu benennen. Alles zusammenfassend ist es vor allem ein Problem, aus welchem Vieles erwächst und umgekehrt. Die grenzenlose, unüberschaubare, akzeptierte und tief verankerte Korruption. Die Korruption ersetzt Bürokratie und zerstört sie gleichzeitig, vernichtet die Rechtsstaatlichkeit und verhindert Chancengleichkeit.

Der Weg zu einer stabilen Demokratie führt nur über die Überwindung dieser Korruption. Das ist nicht zu relativieren und nicht zu verhandeln. Und Sergei Udaltsov hat nicht die Spur einer Idee, wie das anzustellen ist. Er schimpft auf Putin, als wäre er ein unbekanntes Wesen aus der Hölle. Aber was war es, das Putin an die Macht gebracht hat, an der Macht gehalten hat, an der Macht hält und an der Macht halten wird? Es ist die Korruption.

Willkommen in der russischen Opposition.

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5 Antworten zu Wer Russland revolutioniert

  1. aron2201sperber schreibt:

    Wäre Saakaschwili ein Putin, säße dieser georgische “Oppositionelle” schon längst im Gulag.

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/09/22/putins-oppositioneller/

  2. Georg schreibt:

    Leider, kein gut recherchierter Artikel, voller Verkennung der tatsächlichen Situation in Russland und Beimischung von Ausdrücken, die Udaltsov so nie von sich gab (er sprach z.B. von 100.000 – 120.000 Demonstranten und nicht von 200.000).

    Welches Programm zur Korruptionsbekämpfung soll Udaltsov haben? Die Korruption auf dem unteren Level des Bürokratieapparates (Armee, Polizei, Funktionäre usw.) wird schon faktisch bewiesen. Es werden Dokumente veröffentlicht. Nutzt es was? Nein, weil es von oben gedeckt wird. Putin ist das Symbol für die Korruption im Machtapparat. Wer auf seiner Seite ist, hat nichts zu befürchten. Den Menschen wird ins Gesicht gelogen, ohne dabei rot zu werden. Die Einstellung von großen Mengen an Menschen muss sich ändern. Sie müssen für ihre Rechte einstehen. Weitab des Zentrums ist es schwer bis unmöglich (russische Realität in der Provinz, weitab von Medien und internationalem Interesse), aber in Moskau und St. Petersburg weht ein anderer Wind. Die Bürger sind höchst unzufrieden, aber meist noch träge. Sie haben Angst auf die Straße zu gehen, sie wenden sich von Staatsdingen komplett ab. Für sie ist die Schwelle nicht überschritten, wo sie ihre Rechte solange und so hart einfordern, bis sich etwas bewegt.

    Udaltsov ist kein Selbstdarsteller. Er ist ein Idealist, ob man seine Ansichten teilt oder nicht. Er ist zusammen mit liberalen und konservativen in der Opposition, weil er weiß (sie auch), daß eine Zersplitterung der Opposition zu Putin jetzt kontraproduktiv ist. Sie müssen die Menschen erreichen, die wie Amöben vor sich hinvegetieren. Und das tun sie, Schritt für Schritt. Den Menschen ist nicht die Lust an der Opposition vergangen, Putin verhält sich nicht vorsichtig und ruhig. Diese Schilderung geht komplett an der Realität vorbei, wenn man sieht, wie sich die Rhetorik geändert hat, welche Gesetzesvorlagen eingebracht wurden usw. Die „Wahlen“ sind einfach schon vorbei und jetzt erwarten die Menschen andere Slogans und den Kampf auf einem anderen Level (z.B. Kommunalwahlen). In dieser Richtung arbeiten Oppositionelle auch derzeit. Dies zu verkennen zeugt ebenfalls von schlechter Informiertheit.

  3. Marat schreibt:

    Der eigentliche Kern dieses Artikels ist die naive Behauptung, dass es den anderen „ausgewiesenen“ Russlandexperten, im gegensatz zum Author, Russischkenntnisse fehlen und sie deshalb in verbindung mit ihrer Dämlichkeit die russische Opposition, im gegensatz zum Author, necht kennen und nicht durchschauen. Die andere, noch unbedarftere Aussage des Artikels ist, dass die Oposition selbst nichts begreift, kein Programm hat und im gegensatz zum Author, auch das Hauptproblem Russlands sicherlich nicht erkennt. Das Hauptproblem Russalnds aber ist die „grenzenlose, unüberschaubare, akzeptierte und tief verankerte Korruption“, so der Author und Putin selbst ist ein Kind dieses Monsters.
    Zunächst aber eine Frage an den Author: Welche Experten meint er denn? Solche, die seinen Blog lesen und Ihn anfeinden oder solche, die die ganze Deutsche Nation durch GEZ-Gebühren bezahlt, damit diese vor Ort, in Russland sich einen Überblick über die Lage verschaffen und dann darüber in der Tagesschau berichten. Die letzteren nämlich sind durchaus der russischen Sprache mächtig und viele von Ihnen arbeiten dort länger als es Internet gibt, wo mitlerweile jeder zum Experten in allen Themenbereichen ist.
    Und jetzt meine Expertenmeinung zu Russland, denn auch ich habe Internet. Nach 20 Jahren Scheiße und nach 75 Jahren noch größerer Scheiße sind die Menschen nicht mehr durch Politprogramme oder sonstiges westliches Demokratie-Gedöns ansprechbar. Sie wollen nur raus aus dieser Scheiße. Viele sind in den Westen ausgewandert, es sind Millionen die jetzt in den USA, in Deutschland und sonst wo leben. Viele haben die traditionell russische Flucht in den Alkohol ergriffen, die meißten aber haben es sich in einer erträumten Welt gemütlich gemacht. Die Welt wo Russland eine Großmacht ist, die man fürchtet und wenn der Amerikaner und der Deutsche den Russen im allgemeinen fürchet, dann fürchtet er auch genau den einen, der dafür Putin sehr dankbar ist. Für Ihn sind die „Pussy Riot“ Mitglieder Hauptstadt-Tussen, der Westen bezahlt die sogenannte Opposition und die kleinen Beamten, an die der große Zar aus Mangel an Zeit nicht rankommt schuld an allen anderen kleinen Unannehmlichkeiten. Nur selten ist ein solcher Mensch wirklich so unzifrieden, um für irgendetwas zu demonstrieren und genau über Ihn sagt Udalzov, dass wenn Putin sich ruhig verhält bleibt er halt Zuhause.
    Die Opposition dagegen stellt einen sehr bunten haufen dar. Es sind Kommunisten, denen die 75 Jährige Scheiße wie eine Blumenwiese im vergleich zur heutiger Scheiße vorkam. Es sind Nazis, die meinen, dass eigentlich der Vielvölkerstaat an allem Schuld ist und den Kommunismus ein Jude und ein Georgier dem „vielleidigen“ russischen Volk eingebrokt hat. Es sind junge Akademiker, die entweder es nicht geschafft haben auszuwandern oder zu der letzten Gruppe, die ich hier beschreiben werde, den Idealisten, gehören. Ja gerade die letzteren könnten ein Politprogramm erstellen aber hinter diesem Programm werden die anderen Gruppen Ihnen nicht folgen. Das einzige, was diese unzufriedenen eint ist eben der Wunsch das Regime zu stürzen. Und das ist auch richtig so.

  4. Susi schreibt:

    Klasse, daß endlich einmal die russische Oposition kritisch betrachtet wird.
    In Deutschland (insbesondere unter dt, Journalisten) herrscht eine Art pawlow’scher Reflex:
    Sobald der Name Putin fällt, hagelt es sowohl gnadenlose Kritik an ihm ,als auch an seinen Wählern. Gleichzeitig bekommt man beim Gedanken an die Opposition ganz feuchte Träume, egal um was für dubiose Gestalten es sich dabei handelt.

    • Georg schreibt:

      Wenn die russische Opposition in dt. Medien detailliert betrachtet wird, dann wird alles bei seinem Namen benannt: wer liberal, wer sozial-demokratisch, wer links- oder rechtspopulistisch ist.

      Kritik an Putin? Nun, wohin man auch tritt, überall findet man Kritikwürdiges. Das Land ist von seinem Export von Bodenschätzen komplett abhängig, die Korruption steigt jedes Jahr, der Beamtenapparat steigt jedes Jahr, Staatsbedienstete stehlen und morden ohne die Gefahr, dafür belangt zu werden. Beste Freunde hat man immer noch dort verortet, wo kein vernünftiger Politiker mit ausgestreckter Hand hingehen würde. Meinungsfreiheit wird eingeschränkt bis unterdrückt. Das Volk wird durch die staatlichen Massenmedien verdummt. Es herrscht ein Personenkult, wie es ihn schon lange nicht mehr gegeben hat. Kein freiwilliger, aber ein aufoktoyierter und tagtäglich propagierter. Die Wahlen werden manipuliert, zur Abstimmung gehen nur wenige hin.

      Dieser Zustand hat nichts mit irgendwelchen „feuchten Träumen“ zu tun. Realität am Boden. Gegner von Putin, die sich gleichzeitig zur verfassungsrechtlichen Ordnung bekennen, sind das Gegenpol, welches die Bevölkerung insgesamt wiederspiegelt. Das Problem ist, daß Einiges Russland und Putin sich selbst an die russische Verfassung nicht halten.

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