Zurück in Auschwitz

Oft meint man als Deutscher, die Rangliste des Holocaust-Wahnsinns anzuführen. Man beobachtet gemütlich und milde verstört die Diskussionen im Internet, staunt über die gedanklichen Abstürze großer Intellektueller wie Günter Grass oder Jakob Augstein und stolpert auch privat regelmäßig über Begegnungen mit israelfreundlichen Nazis oder linken Hamasfreunden.

Aber so ist es nun mal; man lebt in einem Land mit anstrengender Historie. Zwangsläufig resultieren daraus Komplexe im Umgang mit Nachwirkungen ebendieser. Und so absurd es klingt: Ab und an beruhigt es, nicht weniger Wahnsinnige in Israel zu beobachten.

Ich erkläre. Im sonnigen, warmen und deshalb freizügigen Tel Aviv trifft man häufig tätowierte Menschen. Seit neuestem  sieht man jedoch nicht nur Arschgeweih und die chinesischen Schriftzeichen für ‚Sex‘, sondern schwarze Nummern auf dem Unterarm. Und zwar nicht an Unterarmen 90-jähriger Holocaust-Überlebender, sondern junger Israelis.

Kurzum: Junge Israelis, meist Nachfahren in Auschwitz tätowierter Überlebender, lassen sich die Nummern ihrer Ur-/Großeltern auf den Unterarm tätowieren.

Die Gründe sind ebenso simpel wie falsch: In Israel vergesse und banalisiere man den Holocaust. Mit der Tätowierung wolle man aufrütteln und erinnern, es sei gewagt und mutig.

  1. Die meisten Israelis besuchen als Schüler die KZ-Gedenkstätten in Polen. Auch sonst wird in Schulen, Medien, Politik und natürlich Familie das Thema gebührend behandelt. Viele sind Nachfahren von Shoa-Überlebenden.
  2. Würde sich die Aktion gegen die Banalisierung der Shoa richten, welches Mittel wäre schlechter geeignet, als ein Tattoo? Eine Auschwitz-Nummer auf einem 30-jährigen Unterarm am Strand von Tel Aviv ist nichts als ein Wow-Effekt; banal eben. Diese Tattoos emotionalisieren höchstens kurzfristig. Aber geht es den mutigen Aufklärern nicht ums Verstehen?
  3. Auch mutig ist rein gar nichts daran. Die Reaktionen auf eine solche Tätowierung sind leicht vorherzusehen. Wer wird schon einen Enkel kritisieren, der des Leids des Großvaters gedenkt? Per se sagt niemand etwas gegen das Gedenken (das ist auch gut so).

Ich will den jungen Menschen keine Bösartigkeit unterstellen. Höchstens etwas Beschränktheit und das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Denn das Projekt ist wenig durchdacht.

Zunächst einmal ist der Holocaust im Gedächtnis der Israelis tief verwurzelt. Jeder, der als Deutscher in Israel war, kann das bestätigen. Ebenfalls alle, die die landesweite Sirene am Holocaust-Tag erlebt haben. Des Weiteren ist Israel der lang ersehnte Kampf gegen die Opferrolle der Juden. Dieser Kampf dauert seit mindestens 64 Jahren an und beschäftigt die israelische Bevölkerung glücklicherweise mehr als das ewige Gedenken. Anstatt sich endlich von der Opferrolle zu befreien – ohne zwangsläufig zu vergessen – markieren sich die jungen Leute mit dem Unterdrückungssymbol ihrer Vorfahren. Werden Sie es an ihre Kinder und Enkel weitergeben? Einmal Häftling, immer Häftling?

Außerdem werfen die Tätowierungen der Nachfahren der Shoa-Überlebenden logische Fragen mit verstörenden Antworten auf. Meine Großeltern kämpfen als Partisanen oder Soldaten gegen den Faschismus, ohne Tätowierung. Habe ich nichts zum öffentlichen Gedenken? Ist es die Nummer, die den Holocaust ausmacht?

Und wenn man schon beschließt, das symbolische Erbe der Vorfahren aufleben zu lassen und sich damit dem publiken Gedenkprozess anzuschließen: Wie sollen die Nachfahren der Täter – sprich junge Deutsche – gedenken? Ganz genau.

Uniform aus Opas Keller holen, Eisernes Kreuz um den Hals. Ab auf die Straße.

Über filipppiatov

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22 Antworten zu Zurück in Auschwitz

  1. Roithamer schreibt:

    Naja. Aber kann nan denn die Israelis nicht einfach machen lassen, ohne ein Problem für die Deutschen abzuleiten?

  2. Grabroiber schreibt:

    “Mit der Tätowierung wolle man aufrütteln und erinnern, es sei gewagt und mutig.” Das glaube ich nicht. Es ist wohl eher eine Unterstellung ihrerseits. Oder können Sie diesbezüglich eine repräsentative Umfrage vorlegen?

    Erinnern ist vollkommen okay, gerade wenn die Holocaustüberlebenden nach und nach das Zeitliche segnen. Aufrütteln zu müssen, meinen angesichts der von Ihnen beschriebenen Erinnerungskultur heute nur noch die überspanntesten Gemüter. Das wäre nämlich in der Tat weder mutig noch gewagt.

    Und im Unterschied zu ihren Vorfahren, lassen sich diese jungen Israelis das Tattoo freiwillig stechen. Dabei geht es dann auch nicht zwangsläufig um die Annahme der Opferrolle im Hier und Jetzt. – Genauso gut kann es die Mahnung bedeuten, nicht wieder Opfer zu werden und selbst zu handeln.

  3. fritz schreibt:

    Macht mehr Sinn als das Mahnmal in Berlin das schon auseinanderfällt(Römischer Beton hält schon 2000 Jahre!!!).

  4. Feldheld schreibt:

    Grass und Augstein als „große Intellektuelle“ zu bezeichnen, diesen Fehltritt führe ich mal auf Ihre Jugend zurück🙂

  5. M.1 schreibt:

    Ich stimme von der Sache her zu, allerdings sind junge Österreicher genauso die Nachfahren der Täter.

  6. Keram schreibt:

    „De Gründe sind ebenso simpel wie falsch: In Israel vergesse und banalisiere man den Holocaust. “
    Wäre es nicht besser, wenn Sie etwas weniger forsch und etwas bescheidener argumentieren?

  7. Stern schreibt:

    Keine Ahnung aber viel warme Luft, filippiatov. Sie haben nichts verstanden, ihr Artikel ist kaltschnäuzig und verachtend.

  8. Robin Urban schreibt:

    Ohne jemals in Israel gewesen zu sein, halte ich es auch für recht unmöglich, dass die Israelis die Shoa vergessen könnten. Andererseits, warum sollten die sich nicht tätowieren lassen, was sie wollen?
    Man könnte darüber streiten, ob das nicht irgendwie pietätlos ist. Aber nur aus Sicht eines Betroffenen/Überlebenden. Nicht-jüdische Deutsche und Österreicher brauchen sich dazu eigentlich nicht zu äußern, weil es sie schlicht nicht betrifft und wohl kaum einer nachfühlen kann, wie es ist, Nachkomme einer Person zu sein, die die Maschinerie des Holocaust am eigenen Leib erlitten hat.

  9. Gerswind schreibt:

    Reblogged this on Gerswind.

  10. emranferoz schreibt:

    Gern gelesen,

    würde mich auch freuen, wenn Sie bei mir reinschauen: http://pakhtunkhwa911.wordpress.com/2012/11/02/auf-nach-mali/

    Grüße,
    EF

    • filipppiatov schreibt:

      Das habe ich und werde es nicht wieder tun.
      Und auch Ihnen empfehle ich, meinen Blog genauer anzuschauen.
      Sie werden feststellen, dass er – fallen Sie nicht vom Stuhl – zionistisch ist.

      Yalla.

      • emranferoz schreibt:

        Ach, das ist mir doch aufgefallen. Das heißt jedoch nicht, dass ich einzelne Artikel nicht mögen darf, oder?

        Ich falle gewiss nicht vom Stuhl. Auch Zionismus ist heilbar.

  11. Lea Wahode schreibt:

    Das muss doch traumatisch für die Shoaopfer sein, ihre Qualen in den KZs so vor Augen gehalten zu bekommen.

    • filipppiatov schreibt:

      Die KZ-Opfer, die ein Auschwitz-Trauma haben, sind selbst tätowiert.

    • filipppiatov schreibt:

      Sie sehen es jeden Tag an ihrem Arm, ich bitte Sie. Meinen Sie, dass sie es bewusst vermeiden, ihre Tätowierung anzuschauen?

      • Lea Wahode schreibt:

        Ich weiß nicht… Muss mich zum Glück nicht direkt damit auseinandersetzen… Vielleicht haben sie Recht.

      • Lea Wahode schreibt:

        Lieber filipppiatov,
        ich habe gerade durch Zufall Ihre Seite entdeckt und dann mit Schreck feststellen müssen, dass hier unter meinem Namen/Account kommentiert worden ist! Diese Tatsache ist schon schlimm genug, wird aber noch dramatischer durch den sinnlosen Inhalt des Kommentars.
        Ich gehe davon aus, dass dieser Text sofort veröffentlich werden wird, wenn ich ihn absende, da mein Account wohl schon in der Liste der zugelassenen Kommentatoren steht (wenn Sie diese Einstellung gewählt haben) und bitte Sie deshalb inständig, die drei Kommentare, die in meinem Namen verfasst wurden, sowie diesen hier baldmöglichst zu löschen.
        Vielen Dank für ihre Hilfe und ihr Verständnis.

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