Stalin oder die guten, alten Zeiten

Gérard Depardieus Russifizierung verhalf meinem Geburtsland wieder einmal zu Schlagzeiten in allen bedeutenden Medien. Nun steht er in einer Reihe mit anderen bedeutenden Russen, die zwar etwas weniger begeistert von der heimischen Demokratie waren, aber dennoch die Vaterlandsliebe mit ihm teilen. Tolstoi, Eisenstein, Tschaikowsky, Puschkin – und Depardieu. Nicht ohne Stolz sage ich diesen Namen. Noch größere Freude bereitet die Affäre mit dem alkoholkranken Weinliebhaber jedoch der russischen Opposition, die nach mühseliger, wenig progressiver politischer „Arbeit“ nun wieder etwas hat, was jeder versteht, was auch ohne Kommentar witzig ist und mit erst Recht.

Depardieu nennt Russland eine große Demokratie, die Opposition widerlegt das mit Pussy Riot, Chodorkovski und Wahlbetrug. Depardieu sagt „Ehre sei Russland“, die Opposition  widerspricht mit Adoptionsgesetz und Korruption. Alles eine geritzte Sache, die jeden Oppositionellen und Oppositionsexperten auf die Barrikaden und damit in die Öffentlichkeit drängt.

Dass der politische und gesellschaftliche Fortschritt bestenfalls hinkt und schlechtesten falls bereits strenger riecht als Lenin im Sommer, ist kein Geheimnis. Dass Putin tut und lässt, was seine königliche Laune will, ebenfalls. Und die Opposition, die demnächst mal wieder einen Millionenmarsch organisiert, hat darauf nicht die Spur einer Antwort.

Das Problem liegt nur teilweise in der Unfähigkeit der Opposition, die hauptsächlich ihrer künstlerisch-publizistischen Begabung freien Lauf lässt, anstatt demokratische Prozesse zu gestalten oder sie zumindest dem unzufriedenen Volke zu erklären. Ob Demokratie in Russland möglich ist oder nicht, ist nicht nur eine Frage der Größe des Landes, der Armut, Bildung oder Obrigkeitshörigkeit. In jedem Land ist Demokratie unter bestimmten Bedingungen möglich und zwar keineswegs unter denselben. Die Hindernisse für eine funktionierende freiheitliche Gesellschaft sind in Russland sicherlich gigantisch. Von einer Wirtschaft kann man nicht sprechen, Korruption und willkürliche Justiz halten das Land im Würgegriff, soziale Ungerechtigkeit zwingt die Menschen millionenfach in die Knie.

Wie immer jedoch lohnt sich ein Blick in die Geschichte und ein, zwei Fragen dazu. Woher kommt Russland? Was hat Russland daraus gelernt?

Erstens: Bis vor etwa 20 Jahren war man Teil, Mittel- und Ausgangspunkt einer 70-jährigen Diktatur. Zweitens: Nicht genug, wenn überhaupt.

Ich gebe zu, dass es wirklich nervt, immer wieder Deutschland und das Dritte Reich als Beispiel heranzuziehen. Aber ich bin nun mal in diesem Land aufgewachsen, kenne die Nachteile und Vorzüge davon und durfte – als Nachkomme von Kriegsteilnehmern der anderen Seite – die erzieherische Wirkung von Hitler und Konsorten interessiert von außen betrachten. Und trotz der an Wahnsinn grenzenden Widersprüche der Lehren zu kosmo-judäischen Themen findet sich ein besonders positiv lehrreicher Gesichtspunkt des deutschen Umgangs mit der eigenen Historie.

Zwar spricht man immer noch gerne von der Machtergreifung Hitlers, aber dennoch ist den Deutschen klar, dass Hitler und Goebbels nicht alleine nach Russland marschiert sind oder die Konzentrationslager gebaut haben, sondern dass das ganze Volk das System des Dritten Reiches am Leben hielt. Und da „wir alle“ in SA, SS, Gestapo, Wehrmacht, HJ und BdM waren, weil „wir alle“ mitgemacht oder toleriert haben, hat alles funktioniert. Damit das nie wieder vorkommt, müssen ebenso „wir alle“ an uns und der Gesellschaft arbeiten. Zentral ist das Eingeständnis, dass man selbst, das Volk, (fast) jeder Einzelne Schuld war und sich zu bessern hat.

Nun haben die Russen den Großteil des letzten Jahrhunderts in einer teils stalinistischen Diktatur gelebt.  Und was halten sie davon? Immer noch spricht man von den guten, alten Zeiten. Natürlich durfte man seine Meinung nicht sagen, konnte das Land nicht verlassen und im Sommer gab es in Leningrad keine Zwiebeln. Aber es war billig, es gab keine Reichen und das Gesundheitssystem war umsonst. Zwar hat man gelebt, wie ein Hund, aber immerhin kannte man auch nichts anderes.

Natürlich gab es auch eindeutig Schlechtes und Böses in der guten, alten Zeit. Menschen wurden eingesperrt, kamen in Arbeitslager, wurden erschossen oder verschwanden spurlos. Aber das waren ja bekanntermaßen die Kommunisten, die Partei, während man selbst, der beste Freund, der Bruder oder die Nachbarn damit natürlich nichts zu tun hatten. Gott bewahre, man selbst hat nur versucht, ordentlich zu leben. Man könnte in der Küche seinen Wodka trinken, wenn man von der Arbeit kam  – Arbeitslose gab es nicht – und schöne Feste feiern. Im Ausland war niemand und man liebte die als Volkshelden verehrten Schauspieler, Musiker und Autoren. In Russland nennt man das: Gute, alte Zeiten.

Die politische Realität der Sowjetunion wird radikal von der eigenen getrennt. Und erbrachte Opfer, wie der Verzicht auf Auslandsreisen, Mitspracherecht und freie Meinungsäußerung werden erstaunlicherweise der politischen Realität zugeordnet. So entsteht der Eindruck, nicht alles sei schlecht gewesen. Und das, was schlecht gewesen war, war erstens unvermeidlich und kam zweitens von oben, womit man selbst oder das Volk nichts zu tun hatte.

Verantwortlich für das Schlechte war das korrupte Zentralkomitee. Drum wartet man auch jetzt lieber auf einen besseren Herrscher, anstatt an sich selbst zu arbeiten. Es hat beinahe etwas Messianisches, so wenig meint das Volk an der Auswahl des nächsten Führers Teil zu haben. Die russische Passivität findet sich überall, am deutlichsten vielleicht in der eigenen Geschichtsaufarbeitung. Die Aufarbeitung der guten, alten Zeit, die von den niemandem bekannten Kommunisten seltsam getrübt wurde, ohne den Hauch des eigenen Zutuns.

So gibt es also weder eine kollektive Schuld, noch gab es ein kollektives Leid. Und solange die Russen das nicht verstanden haben, werden sie nicht auf den Weg der Demokratie und der Freiheit kommen.

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6 Antworten zu Stalin oder die guten, alten Zeiten

  1. aron2201sperber schreibt:

    Man muss Gerard Depardieu zugute halten, dass er sich im Gegensatz zu Hollywood nicht aktiv für die Enteigung seiner Klasse eingesetzt hatte, sondern Sarkozy gegen Hollande im Wahlkampf unterstützt hatte.

    Er hätte es sich jedoch trotzdem sparen können, seine Flucht vor dem französischen Sozialismus mit seiner ruhmreichen kommunistischen Familiengeschichte zu verbrämen.

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2013/01/04/kommunist-fluchtet-vor-sozialismus/

  2. aron2201sperber schreibt:

    Russland sollte nach dem Ende der UdSSR eigentlich ein Verbündeter des Westens sein.

    Putin war 1999 als Kandidat gegen die Kommunisten angetreten. Daher wurde er von Präsident Bush nach seinem Amtsantritt auch als Freund empfangen.

    Leider fühlte sich Putin trotz der Abschaffung des Kommunismus den Werten des kalten Krieges verpflichtet, wofür er von westlichen Sowjet-Nostalgikern bewundert wird, auch wenn Putins Reich ansonsten nicht gerade dem linken Idealbild entspricht:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2013/01/06/das-reich-der-braven-reichen/

  3. kein hayek fan schreibt:

    Ich glaube, hier gibt es einen Fehler. Die Trennung von persönlicher Lebensgeschichte mit der des Landes, wie sie für Russland hier wahrgenommen wird, gab es doch durchaus in Deutschland nach dem Krieg. Dies nach dem Motto: Es war nicht alles schlecht gewesen unter Hitler bzw. was hätte man tun sollen ? Erst mit den 68ern und danach, also mit großem zeitlichen Abstand kam das Gefühl auf, dass man Teil eines verbrecherischen System war, dass das Ergebnis seiner teilnehmenden Staatsbürger war. Die zeitliche Distanz erlaubt es doch ein Abstandnehmen vom NS-System, neben der Verurteilung der führenden Köpfe.

    Dies alles fehlt in Russland und soweit ich informiert bin, wird das Thema stalinistische Säuberungen zwar in Russland klein gehalten, es ist aber keine Geheimsache. Und Solchenizyn hatte sich mit Putin doch gut verstanden ?!

  4. Emil Erlenmeyer schreibt:

    Ich mag Gerard D. Er ist ein guter Schauspieler. Vielleicht gelingt es ihm, auf Wladimir Wladimirowitsch mässigenden Einfluss zu nehmen.

    Es wäre doch schön, falls Gerard D. die männliche Rolle der einstigen Katharina der Grossen im neozaristischen Russland einnehmen könnte?

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