Buchrezension: Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter

Eigentlich lese ich keine Gegenwartsliteratur. Es kommt mir immer vor wie Zeitverschwendung, ein Buch aufzuschlagen, das mit hoher Wahrscheinlichkeit keine mit Klassikern vergleichbare Qualität bietet. Vielleicht ist das dumm und man sollte Gegenwartsliteratur lesen, wenn man die heutige Zeit verstehen will. Aber bisher habe ich immer lieber ein drittes und viertes Mal meine Anna Karenina aufgeschlagen, als zu Hugendubel zu gehen.

Irgendwann sah ich, dass eine Facebook-Freundin ein Buch veröffentlicht hatte und bald hatte ich es in der Hand, kostenlos vom Verlag zugeschickt und um Rezension gebeten. Es sind nur etwas mehr als 120 Seiten, die man in der Hand hält. Der Titel – „Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter“ – und der Klappentext haben mich interessiert, aber nicht begeistert. Holocaust, Drogen, Istanbul…ungewöhnlich.

Dann fing ich an zu lesen.

Es geht um Romy, ein jüdisches Mädchen in Deutschland, geboren im Deutschland der 70er. Ihre Mutter ist tot, den Vater trifft sie selten und wächst bei ihren Großeltern und einem Onkel auf, die allesamt den Holocaust überlebt haben. Irgendwann folgt sie ihrer Mutter, die am Heroin gestorben ist und fängt an, zu fixen. So viel zur Story, mehr will ich nicht verraten.

Es geht also um einen jüdischen Junkie, was an sich schon eine kleine Sensation ist. Aber das ist es nicht, was das Jüdische in diesem Buch revolutionär macht. Im Gegensatz zu so vielem, was man über Juden liest, VERSUCHT dieses Buch nichts. Es beschönigt nichts, dramatisiert nichts und baut keine sorgfältigen, krampfhaften Bilder auf.

Das Heroin ist keine Folge des Holocausts, was zwar dramaturgisch sinnvoll, aber ansonsten recht realitätsfern wäre. Romy weiß nicht genau, was nicht stimmt und der Leser weiß es auch nicht. Man muss nämlich nicht alles erklärt bekommen, nur um des Erklärens Willen. Man erlebt Romys Alltag, das Herantasten an die Holocaustthematik und die Dilemmata, in denen sie steckt. Weiß sie, dass der Holocaust nicht wieder passieren wird, obwohl sie doch im Land der Täter lebt? Dieses Buch ist kein Holocaust- und Judenratgeber, es zeigt Menschen. Die Betonung liegt auf ‚zeigt‘.  Aber das macht es umso besser. Ich kenne keine realistischere, besser getroffene Darstellung des Nachkriegsjudentums in Deutschland.

Aber das ist nur ein kleiner Teil der Geschichte. Romy beginnt mit dem Fixen und rutscht immer tiefer ab, aber ohne weniger liebenswert zu erscheinen. Es ist eine traurige, furchtbare, aber seltsamerweise auch humorvolle und manchmal erstaunlich optimistische Geschichte. Das Heroin ist Freund und Feind, vielfältig und teilweise fast schon menschlich. Aber auch hier driftet Ramona Ambs‘ Geschichte nicht ins pseudo-künstlerische ab und erfindet keine neuen Dimensionen, um den Leser mit schaurig-schönen Trips zu beeindrucken.

Ich kann die Lektüre nur empfehlen. Eine scheinbar kurze Geschichte, die einen ungewöhnlich tiefen Eindruck hinterlässt. Traurig, ohne schlechte Laune zu erzeugen und klug, zum Nachdenken anregend. Es lohnt sich. Sehr sogar.

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2 Antworten zu Buchrezension: Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter

  1. Beatrix Alfs schreibt:

    Da bin ich jetzt selbst neugierig geworden, nachdem ich durch Zufall von diesem Buch gehört habe. Beim Verlag habe ich sofort ein Rezensionsexemplar angefordert.

    • Bernd Wolter schreibt:

      @Beatrix Alfs: Ich empfehle Ihnen auch mein Buch: „Großes Jucken unterm Schleier“. Es geht um die traumatische Beziehung zwischen Chantal Pokrebitzki und ihrem minderjährigen Lover, Pascal Wontschorrek, die sich in einem Duisburger Darkroom kennengelernt haben. Da beide ihre Liebe aus gesetzlichen Gründen nicht leben können, wollen sie gemeinsam nach Pakistan auswandern, um dort nach einer Geschlechtsumwandlung zum Islam überzutreten. Darf ich Ihnen ein Ansichtsexemplar zusenden? Natürlich wäre eine positive Rezension bei Amazon nett.

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