Not my Ehrenvorsitzender

Sehr geehrter Herr Genscher,

ich habe Sie früher immer bewundert. Ich wusste nie, wieso, aber der andächtige Ton, in dem in liberalen Kreisen von Ihnen gesprochen wurde, war sehr verführerisch. Natürlich, Ihr großer Moment auf dem Balkon. Der medialen Unsterblichkeit sind Sie damit recht nahe gekommen. Seit einiger Zeit stört mich jedoch etwas an Ihnen und diesmal weiß ich sehr genau, was es ist.

Mit Ihren letzten Aussagen haben hat Seine Heiligkeit etwas übertrieben. Dass ein – laut eigener Aussage – liberaler Ehrenvorsitzender einem politischen Gegner den Austritt nahelegt und diskussionslos den zukünftigen Kurs prophezeit („für Europa und den Euro“), spricht Bände über den Zustand dieser Partei.

Ich bin noch jung, mögen Sie sagen. Mit 22 gegen einen Außenminister a.D. zu argumentieren, ist entweder anmaßend, oder lächerlich. Mir fehlt Ihr Wissen, Ihre Weisheit und vor allem, Ihre Erfahrung.

Andererseits habe ich eine berechtigte Frage. Wie viel soll mir die Meinung eines 86-jährigen Politikers mit sicherer, inflationsunabhängiger Rente Wert sein, wenn es um wirtschaftliche und monetäre Stabilität in spe geht? Wir sitzen nicht im selben Boot, mein Herr.

Würden Sie in ein Auto steigen, dessen Fahrer es aus sicherer Entfernung steuert? Glaubwürdigkeit kommt nicht mit dem Alter, sondern mit der Waffe an der Schläfe, Herr Genscher.

Ich lasse mal das Argument außen vor, dass jeder seine Zeit hat, ebenso wie er wissen sollte, wann Schluss ist. Da Sie nach vielen Jahrzehnten in der Politik jedoch keinen Abnutzungsprozess bei sich feststellen können, will ich Ihnen die Freude nicht nehmen.

Aber ich kann ja zumindest versuchen, meinen naiven, nationalistischen Standpunkt darzulegen, im besten Wissen, nicht Ihrer – zugegebenermaßen nicht übermäßig toleranten und diskussionsfreudigen – Definition des Liberalismus zu entsprechen.

Ich hoffe, dass meine Argumente Ihnen nicht wie Hirngespinste und Verschwörungstheorien vorkommen. Vergessen wir mal, ob es richtig oder falsch war, den Euro einzuführen. Er ist da und mit dieser Situation müssen wir nun umgehen.

  1. Angeblich bemühen wir uns um Friedenssicherung, weshalb wir die Griechen unter keinen Umständen aus der Eurozone lassen wollen. In sämtlichen Südländern herrschen jedoch Massenarbeitslosigkeit und Rezession, per ordre de Mutti durchgeführte Strukturreformen scheinen nicht zu fruchten. Dennoch wollen die Südländer nicht die Eurozone verlassen, auch wenn eine Währungsabwertung das einzige ist, was sie vor dem vollständigen Kollaps retten kann. Weshalb?
  2. Der einzige Grund für den freiwilligen Verbleib der Südländer im Euro sind die absurden Rettungspakete, die einheimische Politiker und Ökonomen ruhig stellen.
  3. Auf diese Rettungspakete haben die Länder jedoch keinen Anspruch. Nicht nur, weil oder sie hauptsächlich in Bankenrettungen fließen, sondern weil es schlicht und einfach nicht ihr Geld ist.
  4. Dieses Geld müsse das Friedensprojekt EUROpa dem starken Deutschland jedoch Wert sein, weshalb wir wieder bei Punkt 1. sind und damit in einem Teufelskreis. Wir haben Angst vor Turbulenzen und finanzieren stattdessen den unausweichlichen Crash, denn jedes Land hat eine rote Linie: Ob 50, 70 oder 90 Prozent Jugendarbeitslosigkeit.

Die gegen jegliche, auch ökonomische, Vernunft gehende Europolitik braucht durchaus eine Debatte. Auch, wenn Sie, Herr Genscher, sie aus der Partei verbannen wollen. Aber damit ist es genauso, wie mit dem Eurocrash. Sie können die Debatte nicht vermeiden, höchstens verschieben. Und seien wir mal ehrlich, Herr Ehrenvorsitzender. Im Nachhinein werden Sie all das sowieso gewusst haben.

Es grüßt Sie,

Filipp Piatov

Über filipppiatov

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2 Antworten zu Not my Ehrenvorsitzender

  1. Pingback: Vergebene Liebesmüh und Lindners liberale Loser | respostalibertaria

  2. besucher schreibt:

    Diesen Artikel werden viele mitlesen die überlegen beim nächsten Mal der AfD die Stimme zu geben. Wenn die AfD es schlau anstellt dann versucht sie gleichermaßen für ehemalige FDP- und CDU-Wähler attraktiv zu sein. Ob da Luckes Statements in letzter zeit glücklich waren vermag ich noch nicht einzuschätzen.

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